„Meine Aufgabe zu Weihnachten: Stabilität“
Mit Pia Richarz, Autistin, Sozialarbeiterin und Mutter von vier Kindern im Spektrum
Erscheinungstermin: 23.12.2025, Autorin: Mirjam Rosentreter
Vorweg ein paar Hinweise: In unserem Podcast reden wir über Dinge, die vielleicht bei euch etwas anstoßen. Bitte beachtet:
Unsere Gespräche geben persönliche Erfahrungen wieder und erfüllen keinen wissenschaftlichen Anspruch. Das Hören oder Lesen unseres Podcasts ersetzt keinen Besuch in einer Praxis oder Beratungsstelle. Fühlt euch ermutigt, offen auf Menschen in eurem Umfeld zuzugehen. Oder sprecht Fachleute in eurer Nähe an.
Rückmeldungen könnt ihr über hallo@spektrakulaer.de an uns richten. Oder ihr kontaktiert uns auf unserem Instagram-Kanal @spektrakulaer_podcast. Gerne versuchen wir auf Themen einzugehen, die Euch interessieren. Persönliche Fragen zu Diagnostik oder Therapie können wir leider nicht beantworten.
Im folgenden Abschnitt haben wir für euch unsere Sprachaufnahme transkribiert, also verschriftlicht. Als Text aufgeschrieben ist gesprochene Sprache nicht immer ganz korrekt und eindeutig verständlich. Das Manuskript entspricht auch nicht einem journalistisch überarbeiteten Interview.
Dieser Podcast ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt.
Wenn ihr uns oder unsere Gäste irgendwo zitieren wollt, bleibt fair: Achtet auf den Gesamtzusammenhang und denkt bitte immer an die Quellenangabe.
Im Zweifel gilt die schöne alte Regel: Lieber einmal mehr nachfragen.
Vielen Dank für eure Neugier und euer Verständnis.
Mirjam & Marco
…
Transkript zu Podcast Folge 22, erschienen am 23.12.2025,
mit Pia Richarz und den Hosts Mirjam Rosentreter und Marco Tiede
Autorin: Mirjam Rosentreter
Hinweis der Autorin zur Transkription: Als Text aufgeschrieben ist gesprochene Sprache nicht immer ganz korrekt und eindeutig verständlich. Ich habe den Text behutsam redaktionell überarbeitet. Ziel ist es, das spontane Gespräch möglichst natürlich wiederzugeben. Deshalb dürfen sprachliche Ungenauigkeiten bleiben.
Damit sich der Text leichter lesen lässt, ist die Zeichensetzung angepasst. Sie berücksichtigt Sinneinheiten und Pausen, wie sie fürs Mündliche typisch sind. Das heißt: Statt langer Bandwurmsätze gibt es öfter mal einen Punkt. Oder auch drei. Wenn jemand kurz nachdenkt. Oder nach den richtigen Worten sucht. Dann kann ein angefangener Satz auch mal einfach ab…
Und nun, viel Freude beim Lesen.
Ankommen, Warm-up
Mirjam Rosentreter: Achtung, jetzt kommt ein Mikrofon.
Pia Richarz: Okay.
Mirjam Rosentreter: Hast du denn schon mal ein Interview, ein Audio-Interview gemacht?
Pia Richarz: Ja.Ich weiß auch gar nicht mehr, worum es ging. Ach, ich glaube Fahrradwerkstatt oder so. (Geräusch beim Mikrofon-Zurechtrücken) Geht das?
Mirjam Rosentreter: (aus dem Hintergrund) Das auch noch?
Marco Tiede: Aber das ist nicht auf deiner Seite zu finden?
Mirjam Rosentreter: Also ich meine damit: Da engagierst du dich auch noch?
Pia Richarz: Ja, nicht mehr. Also ich habe Flüchtlingshilfe 2015 mitgegründet. Und das war so… Ja, mir fallen immer Sachen zu, wie die Jungfrau zu… Also, ich komme zu Sachen, wie die Jungfrau zum Kind. (Marco lacht) Und in dem Fall wollte ich nur Sachen waschen. Weil jemand bei Facebook gefragt hat, ob ich Sachen waschen möchte. Und dann ist daraus ein E-Café, eine Fahrradwerkstatt. Die es heute immer noch gibt.
Marco Tiede: Cool!
Mirjam Rosentreter: Ich muss dazu sagen: Ich habe das gerade schon aufgenommen. „Wie die Jungfrau zum Kinde“ und so. Nehme ich mit rein, wenn ich darf.
Pia Richarz: Ja, na klar! (Mirjam lacht)
Marco Tiede: Da müssen wieder wieder Sprachbilder erklären, ne? (lacht)
Mirjam Rosentreter: Nein, musst du nicht.
Pia Richarz: (lacht)Passend zum Thema! (Mirjam lacht)
Marco Tiede: Ja, ja. (lacht)
Intro
Musik: Joss Peach: Cherry On The Cake, lizensiert durch sonoton.music
Sprecher: Spektrakulär. Eltern erkunden Autismus.
Mirjam Rosentreter: Hallo, mein Name ist Mirjam Rosentreter. Ich bin Journalistin, Mutter eines Sohnes im Autismus-Spektrum. Und ich mache das hier nicht alleine. Bei mir ist Marco Tiede.
Marco Tiede: Moin. Ich bin auch Vater eines Jungen im Spektrum. Und ich arbeite als Therapeut und auch als Berater.
Mirjam Rosentreter: Es gibt zu dieser langen Version unseres Podcasts auch eine kurze, den Kurz-Pod. Ein Manuskript zu dieser Folge findet ihr auf unserer Seite spektrakulaer.de.
Sprecherin: Heute mit Pia Richarz, Autistin, Sozialarbeiterin und Mutter von vier Kindern im Spektrum.
Mirjam Rosentreter: Herzlich willkommen zu unserer Weihnachts-Ausgabe! Wir zeichnen diese Folge im letzten Viertel der trubeligen Adventszeit auf. Die ja eigentlich besinnlich zu sein hat. Laut gesellschaftlicher Vorgaben. Und wenn wir die hier für euch online stellen, habt ihr theoretisch genau noch einen Tag Zeit, Geschenke zu besorgen. Bei mir im Heimstudio sitzt wie immer nahezu tiefenentspannt Marco…
Marco Tiede: Danke. Ja, Moin.
Mirjam Rosentreter: Und herzlich willkommen, liebe Pia.
Pia Richarz: Hallo.
Mirjam Rosentreter: Danke, dass du dir extra für diese Podcast-Aufzeichnung in dieser Zeit Zeit genommen hast.
Pia Richarz: Sehr gerne.
Mirjam Rosentreter: Wie hast du das geschafft?
Pia Richarz: Im Moment ist in unserer Familie sowieso einiges anders. Weil mein Mann aktuell in Südamerika ist für acht Wochen. Der kommt morgen wieder. Ich hatte mir dann eh diese Woche geblockt. Und deswegen passte es dann tatsächlich ganz gut. Und ansonsten sind meine Kinder einfach auch schon größer. Und ich habe ein gutes Netzwerk, was das abfängt.
Mirjam Rosentreter: 14, 16, 18 und 20 Jahre alt.
Pia Richarz: Genau.
Mirjam Rosentreter: Du hast mir bei unserem Vorgespräch am Telefon erzählt, dass du am Morgen des heiligen Abends aber nochmal arbeiten gehst.
Pia Richarz: Richtig. Ich arbeite in einer stationären Wohnungslosenhilfe für Frauen. Ausschließlich für Frauen. Das ist mit die einzige in Niedersachsen. Im Bereich der 67er-Hilfe, so heißt es umgangssprachlich. Das heißt, es müssen besondere soziale Schwierigkeiten vorliegen, um diesen Platz bezahlt zu bekommen.
Und am 24. ist traditionell Weihnachtsbrunch. Das heißt, die Sozialarbeit ist mit vor Ort. Wir haben aktuell zehn bis elf Frauen. Also, es kann noch ein Platz belegt werden. Und das ist mir dann tatsächlich wichtig. Das habe ich letztes Jahr begleitet, und das versteht auch meine Familie.
Mirjam Rosentreter: Du meintest zu mir: „Meine familiäre Hauptaufgabe zu Weihnachten ist dann, Stabilität reinzubringen.“
Pia Richarz: Ja.Das heißt, in erster Linie, ähm… Es ist so, dass natürlich wir in den vergangenen Jahren, gerade als die Kinder klein waren, sehr gemerkt haben: Dass alle… unser Arbeitswort ist ‚durchschottern‘. Und tatsächlich alles, ne? Weil, es gibt viel Stress. Es werden viele Termine reingelegt. Die Familie erwartet was. Schule hat die tollsten Ideen: Noch mal schnell ins Theater zu fahren (Marco schmunzelt). Noch mal Eis laufen. Noch mal dies, noch mal das.
Ähm…
Was uns immer relativ als Familie aus dem Takt gebracht hat. Ich war ungefähr 14, 15 Jahre nur zu Hause. Später habe ich ein Studium angefangen. Und habe das sozusagen kompensiert. Jetzt haben wir einmal Rollen getauscht. Mein Mann ist zu Hause und hat diesen Part übernommen. Und ist jetzt stay-home-dad quasi.
Mirjam Rosentreter: Es stellen sich ganz viele Fragen! Aber eine konkret: Es gibt „Fischreis“? Oder was hast du da gerade gesagt?
Pia Richarz: Nee?
Mirjam Rosentreter: (macht Geräusch) Meine Schwerhörigkeit! Sie nervt.
Pia Richarz: Was hab ich gesagt? (lacht)
Mirjam Rosentreter: (lachend)In dem in dem Konglomerat der Dinge, die zu Weihnachten anstehen – meine ich – tauchte das Wort ‚Fischreis‘ auf.
Pia Richarz: Nee! (lacht)
Marco Tiede: Interessant!
Mirjam Rosentreter: Aber wenn wir… Wenn wir schon mal beim Thema Essen sind, kurz abhaken: Was gibt‘s denn Weihnachten zu essen?
Marco Tiede: KeinenFischreis.
Pia Richarz: (gleichzeitig)Kartoffelsalat und Würstchen. (lacht)
Mirjam Rosentreter: Kartoffelsalat und Würstchen!
Marco Tiede: Klassisch.
Mirjam Rosentreter: Also die Nummer, die gut vorzubereiten ist.
Pia Richarz: Genau.
Mirjam Rosentreter: Ähm…Ihr lernt heute also hier eine Frau kennen, deren persönliche Einsatzbereitschaft beeindruckt. Das werdet ihr jetzt schon gemerkt haben. Pia ist 41, Mutter, wie wir schon gehört haben, von vier Kindern. Die alle im Spektrum sind.
Pia Richarz: Genau.
Mirjam Rosentreter: Und durch die Diagnosen bei deinen… ältesten Kindern, oder?
Pia Richarz: Genau, bei meinen zwei Ältesten.
Mirjam Rosentreter: …Hast du dann auch selber erfahren, dass du Autistin bist.
Pia Richarz: Genau. Also die Ärztin, die die Diagnose gestellt hat bei meinen Kindern, im SPZ. Hat mich darauf angesprochen. Und hat gesagt, ich sollte mich mal diagnostizieren lassen. Das würde mich weiterbringen. Das war 2011. 2012 habe ich dann – es gab damals ja auch schon Wartelisten – habe ich 2012 dann die Diagnose bekommen.
Mirjam Rosentreter: Und hat es dich weitergebracht?
Pia Richarz: Ja. Weil, es erklärt alles in meinem Leben! Also, ich würde sagen, es ist ein Game Changer. Natürlich auch, weil ich auch mit ADHS diagnostiziert bin. Das heißt also auch, durch Medikation ändert sich einiges. Aber es hat mir geholfen, mich zu verstehen. Und das erste Mal hat es mir auch geholfen zu verstehen: Vielleicht gibt es ja doch Dinge, die ich kann. Also da, wo ich vorher immer gescheitert bin im System. In Schule, in Freundschaften, in der Familie. Durch meine Art zu sein, gab es auf einmal eine Erklärung. Und wenn man dann natürlich noch mal weiterguckt und systemisch schaut.
Also in meiner, ich sage jetzt so banal, ‚Herkunftsfamilie‘, ist das dann einfach offensichtlich. Und so deutlich und so klar! Dass man sich halt einfach… Dass man sich anders einordnet. Und dass man auch selber anders auf die Dinge schaut. Und Dinge auch anders… Eher lösen kann von diesen gesellschaftlichen Normen. Die andere an einen herantragen. Sondern für sich feststellt: Nein, bei uns ist das so. Und das ist auch gut so. Wir müssen uns dem vielleicht an dieser Stelle nicht anpassen, unbedingt.
Und das Schwierige – glaube ich – ist am Anfang für uns alle gewesen…. Sowohl, also ich mit den Kindern, als auch – glaube ich – zwischen meinem Mann und mir: Immer auch die Balance zu finden. Und da bin ich sehr froh, dass mein Mann sehr neurotypisch ist. Und dass wir da zwei Perspektiven auch auf die Erziehung der Kinder haben. Und wenn ich bei anderen Eltern bin, versuche ich, ihnen auch immer zu erklären: Es ist immer ein Balanceakt. Also, wo ziehe ich mein Kind raus? Aus seiner autistischen Grundhaltung sozusagen. Und wo führe ich es hin? Damit es auch Teil der Gesellschaft sein kann. Es muss immer ein Balanceakt sein, aus meiner Sicht. Also wenn ein Kind nicht gerne zur Schule geht, haben wir ein ganz großes Problem an dieser Stelle. Und müssen gucken, wie geht es weiter?
Mirjam Rosentreter: Wir kommen gleich darauf, was du damit meinst: „Wenn ich bei anderen Familien bin.“ Kurz noch einmal zu dir Marco, damit du hier auch mal was sagen kannst. Denn… Also wahrscheinlich hast du gerade genau wie ich staunend zugehört. Denn im Prinzip haben wir jetzt schon eine kleine Nummer. Und könnten das rauskoppeln. Als eigenen kleinen Einblick.
Da hinein, was es bedeutet als erwachsene Frau eine Autismus-Diagnose zu bekommen. Zumal als Mutter. Aber als ich dir erzählt habe: Da kommt jetzt Pia Rebecca kurz Pia. Und dir eine kurze Zusammenfassung gegeben habe, was die so alles mitbringt. Da meintest du: Lass mich raten, die ist nicht nur Autistin, die ist auch im ADHS-Spektrum. Warum warst du dir da so sicher?
Marco Tiede: Na ja, ich finde es zunehmend weniger überraschend, dass Menschen mit beiden Diagnosen zu uns kommen. Du bist ja auch nicht die Erste, die hier mit Autismus und ADHS sitzt.
Dann stieß ich auch vor kurzem auf eine relativ frische Studie. Die hier auch nochmal belegt. Dass es da wohl neuronal gesehen… Also ich kann es jetzt nicht so ganz wissenschaftlich ausdrücken. Aber so neuronal gesehen bestimmte Gemeinsamkeiten gibt. Das ist, glaube ich, auch nicht so überraschend. Von Autismus und ADHS. Und dass es sich eher in der Ausprägung der autistischen Symptomatik unterscheidet. Also könnte heißen, wenn ich die Studie richtig aufgefasst habe: Dass also Neurodivergenz im weiteren Sinn, aber ADHS im engeren Sinn oft auch gekoppelt ist mit autistischer Symptomatik. Die mehr oder weniger ausgeprägt ist.
Dann: Da kommt es ja immer noch dazu, dass das zunehmend mehr erkannt wird. Eben auch bei Frauen. Weil das ja bis vor 10, 15, 20 Jahren kaum ein Thema war. Weil, Frauen konnten mutmaßlich besser maskieren. Hatten andere Ausprägungen, andere Symptomatik etc.. Also, was wir ja auch schon jetzt häufiger auch schon gehört haben. Und ich glaube auch, als wir uns letztes Jahr bei Tony Attwood kennengelernt haben. Der hatte das ja auch nochmal hervorgehoben. Dass das sich bei Frauen ja meistens, wenn nicht gar immer, anders darstellt.
Mirjam Rosentreter: Da saß Pia nämlich hinter uns beiden in der Zuschauerreihe.
Marco Tiede: Aber warum ich da auch so schnell drauf kam, war ja auch: Ich sag mal so, dieses Anhäufen von Interessensgebieten. Also, wo du überall so umtriebig bist, ne. Und ich sag mal so: Es gibt bestimmt auch kreative Menschen, die nicht irgendwo neurodivergent sind. Aber ich glaube, die meisten neurodivergenten Menschen haben eine größere Affinität zu kreativen Betätigungen. Und zu vielfältigen Betätigungen. Also, dass sie, wie man so sprichwörtlich sagt, auf vielen Hochzeiten mittanzen. Was ja bedeutet: Ein oder zwei Wissensgebiete zu beackern – das ist noch ein Sinnbild – reicht nicht. Sondern ich brauche eigentlich so viel Input und Dopamin wahrscheinlich, dass ich dann ganz viel Betätigungsfelder habe.
Mirjam Rosentreter: Ich muss mal kurz beschreiben: Pia hat gerade ganz oft gegrinst, genickt. Und beim Thema Vielfältigkeit und überall reinschnuppern, oder wie du es formuliert hast. Da gingen deine Augen einmal im Kreis herum. So als würdest du alle Stationen deines Lebens, die du schon ausprobiert hast, so abgehen.
Pia Richarz: Das stimmt. (schmunzelt) Ich saß auch damals zuerst auf der… Also, als die Ärztin meiner Kinder mich angesprochen hat, saß ich halt schon auf der Warteliste für eine ADHS-Diagnose. Das war für mich das naheliegendste. Und ein Jahr vorher, bevor wir auch unsere Kinder in der Diagnostik hatten, hat uns eine Frühförderkraft angesprochen. Und hat gesagt: „Sagen Sie mal, kommt Autismus bei Ihnen in der Familie vor?“ Und ich so: „Nee!“ Und dann hatte ich mit meiner Mutter telefoniert und die so: „Naja, also bei deinem Bruder…“ – Also ich hab einen kleineren Bruder, der ist 15 Jahre jünger. Der war damals im Kindergarten-Gruppenübergang im Grundschulalter, glaube ich.
Und: „Also da ist halt gerade jetzt Mutismus im Raum.“
Und das war aber sonst nie wirklich Thema so. Und ich merke halt auch: Mit ADHS-Medikation kommt Autismus bei mir sehr viel mehr zum Vorschein. Und ich merke es per se noch… Also doch, ich merke es. Aber ich bin relativ gut angepasst. Weil ich einen neurotypischen Mann habe.
Wir sind jetzt 21, nein, stimmt gar nicht, doch, 21 Jahre verheiratet. Und der ist so der rote Faden, der mich da auch zieht. Also der mir auch sagt so: „Das geht gar nicht!“ Das ist, ohne auch vorher eine Diagnose gehabt zu haben, dass er da mit ganz viel Geduld mich sozusagen gesellschaftskonform machen möchte. Und das hat wenig was damit zu tun, so im Sinne von ABA und so. Sondern eher tatsächlich im Sinne von: „Hör mal zu, so funktioniert das nicht.“ Und dass jemand da ist, der mir beides erklärt.
Marco Tiede: Ja, das ist natürlich sowieso auch bei allen Menschen im Spektrum so ein Spannungsfeld. Diese Balance, wie du vorhin schon angesprochen hast. Zwischen der Anpassung, Schrägstrich wahrscheinlich auch Maskierung und dem sich auch demaskieren. Zu sagen: „Nee, ich brauch das grad. Ich brauch grad irgendwas in der Hand. Ich muss grad schaukeln. Oder sonst was machen, was mich halbwegs reguliert. Um die Wahrnehmungsverarbeitung zu verkraften.“ So, ne?
Pia Richarz: Und das hat… Also da auch nochmal mit der Diagnose: Gab es dann so Sachen, wo ich sagen konnte: Puh, kein Wunder, dass ich das nicht schaffe! Oder also: kein Wunder, dass ich… Also Sport, Kindersport meiner Kinder! Ich habe mich so als schlechte Mutter gefühlt! Dass ich das nicht ertragen konnte in dieser Halle, mit dieser Akustik. Und dann konnte ich sagen: Okay, meine Diagnose erklärt das für mich. Ich suche andere Wege, wie sie trotzdem teilhaben können. Indem wir dann nämlich jemanden eingestellt haben, der die Kinder in diesem… Also, im Sinne einer Freizeitassistenz von uns aber organisiert, die das ermöglicht. Aber ich muss mir das nicht antun.
Und ich bin deswegen keine schlechte Mutter. Sondern es ist etwas, wo ich mich selber auch vor schütze. Und letztlich ja auch meine Kinder.
Mirjam Rosentreter: Ich will noch mal ein bisschen mehr zu dir erzählen. Wir merken ja schon: Wir könnten mit dir wirklich über Alles reden. Aber wir haben uns, als ich dich angeschrieben habe, nach längerer Zeit mal wieder… Wir waren nach dem Tony-Attwood-Tag eigentlich schon miteinander fast soweit, eine Folge aufzunehmen. Aber dann kam doch die Zeit und das Leben dazwischen. Als ich zu dir gesagt habe: „Hast du Lust, mit uns über Weihnachten zu sprechen? So als Mutter so vieler Kinder?“ Hast du sofort zugesagt. Warum eigentlich? Hast du, so wie ich, das Gefühl gehabt: Dann können wir uns ein bisschen fokussieren in unserem Gespräch?
Pia Richarz: Na ja, es passte jetzt ja natürlich in die Zeit. Und ich habe auch noch mal, glaube ich, noch mal einen anderen Blick auf Weihnachten. Also, ich habe selber noch eine große Herkunftsfamilie. Um das halt auch noch mal zu trennen. Ich habe drei Brüder. Das hieß immer Stress. Das hieß immer… Aber trotzdem sind mir Sachen auch im Gedächtnis geblieben. Oder auch hängen geblieben. Die wir auch als Familientradition fortführen. Also zum Beispiel, dass mein Vater natürlich immer den Weihnachtsbaum selber geschlagen hat. Dass wir in eine Plantage gefahren sind und den geholt haben. Und das macht er, glaube ich, immer noch.
Wir machen daraus mittlerweile auch ein Familienevent. Also, das heißt: Früher haben wir das gemacht mit den Paten meiner Kinder. Dadurch, dass die einfach sehr weit verstreut sind, hat mein Bruder jetzt, seitdem er Kinder hat, das übernommen. Das heißt, wir gehen zusammen los. Wir gucken, und wir kaufen uns jeweils einen… Familientannenbaum, hätte ich fast gesagt, genau. Und es gibt so minimale Traditionen.
Letztes Jahr… Meine Großmutter hat mir eine bestimmte Glaskugel, nein, eine Glocke geschenkt. Von einem bestimmten dänischen Designer. Und der bringt jedes Jahr eine raus. Und zum Hauskauf hat sie mir die von 2016 geschenkt. Und genau diese Glocke ist letztes Jahr kaputt gegangen.
Marco Tiede: Ohhh.
Mirjam Rosentreter: Was hat das mit dir gemacht?
Pia Richarz: Viel! Also das war ganz viel. Weil bei uns auch ganz viel im Umbruch stand. Das haben wir…
Mirjam Rosentreter: Passend zum Thema.
Pia Richarz: (lacht)Passend zum Thema, genau. Also, es war klar: Mein Mann ist erkrankt. Der kann nicht wieder arbeiten. Wir haben gebangt: Wie geht es weiter mit der Hausfinanzierung? Ich war im Übergang von einem bisherigen… Also von der Berufs-Anerkennung in eine Festanstellung. Es war so viel Umbruch! Und dann habe ich im Internet eine gefunden, bei einem Händler mit 2016. Habe die bestellt. Und diese kam kaputt an. (Mirjam und Marco stöhnen auf) So das war… Also, ich habe noch zwei andere bestellt. Aber das war: Was stimmt hier nicht? Und da werde ich ja dann auch abergläubisch. Also ich bin schon sehr bodengehaftet. Und aber das hat uns tatsächlich halb Weihnachten verhunzt, hätte ich fast gesagt. Aber wenn… Dann der Händler hat es geschafft… Ich glaube, bis zum 22.12. war die neue Glocke dann heile auch wieder da. Und wo ich denke: Ich bin ja relativ gesettelt. Und mir kann gar nicht mehr so viel passieren. Und ich habe da eine positive Grundstimmung. Und das ist nicht mehr, so wie es früher war. Und doch merke ich: An dieser Stelle doch nicht.
Marco Tiede: Ja. Die Glocke ist vielleicht auch so ein Stück Ankerpunkt gewesen. Also, zu allen ganzen Traditionen, die ihr drumherum gruppiert habt. War dann die Glocke nicht nur ein symbolisches Geschenk. Sondern irgendwie auch so ein materielles Zentrum in dem Sinn. Was ja Sicherheit gibt ein Stück weit. Und wenn die dauernd kaputt ist? Das glaube ich, das ist echt… Das war’s.
Pia Richarz: Also, wie gesagt: Immer Zufall vermutlich. Aber das hat so viel ausgelöst! Und so viel Spannung. Und dann habe ich halt auch gemerkt, dass diese Spannung… Und auch egal, wie groß meine Kinder sind, sich ja auf das gesamte System überträgt. Und an dem Punkt habe ich dann auch gedacht: So, das kann ja nicht sein. Sondern wir müssen in dieser Zeit runterkommen. Also wir legen in dieser Zeit keine Termine. Also wir haben keine Arzttermine in dieser Zeit. Wir haben früher auch, als die Kinder noch Therapien bekommen haben, Ergo, Logo und so weiter, haben wir da keine Termine gelegt. Alles, was ich weghalten kann. Weil ich immer noch denke: Es kommt noch genug rein in dieser Zeit.
Marco Tiede: Mit ‚in dieser Zeit‘ meinst du die Adventszeit?
Pia Richarz: Ja genau. Also, eigentlich so diesen gesamten Dezember. Wo ich denke, da kommt immer noch genug spontan.
Marco Tiede: Ja, neulich hatte ich auch mal irgendwie so einen Artikel gelesen. Da war auch noch mal beschrieben, wie widersinnig wir eigentlich Weihnachten begehen. So im Sinne von: Das neurologische System versucht sich eigentlich so in dieser Jahreszeit doch mehr in die innere Einkehr zu begeben. Aber die Außenwelt scheint was anderes zu suggerieren: Geht einkaufen! Geht auf Weihnachtsmärkte! Betrinkt… Gut, betrinken muss man sich ja sowieso nicht. Aber so, was dann alles so los ist. Und dann gibt es Weihnachtsfeiern, dies, das, dort. Also da ist dann nichts von innerer Einkehr übrig.
Pia Richarz: Genau.
Mirjam Rosentreter: Wie war das denn für dich in deiner Kindheit? Was bedeutete die Zeit?
Pia Richarz: In meiner Kindheit, also ganz früher. Ich bin in einem Haus aufgewachsen, wo meine Großeltern noch präsent waren. Meine Urgroßmutter hat damit gelebt. Später sind wir umgezogen. Da war ich so im Grundschulalter. Aber immer noch nah. Also, man musste nur durch den Garten gehen. Also, meine Eltern haben im Garten sozusagen gebaut, meiner Urgroßmutter.
Mirjam Rosentreter: War das auch schon in der Gegend von Nienburg, wo du jetzt…
Pia Richarz: Genau. Ich habe mich nie aus Nienburg hinausbewegt. Das ist aber, glaube ich, auch okay. Und ja, also ich kann mich an Weihnachten erinnern. Ich habe auch jetzt gerade wieder beim Ausmisten der anderen Wohnung meiner Großmutter Dinge gefunden. Also so Fotoalben. Wo ich mit dem neuen Fahrrad. Ich kann mich genau an dieses Fahrrad erinnern. Und wo meine Urgroßmutter mich durch die Küche schiebt. Solche Dinge, das ist mir total präsent. Und ich kann mich erinnern, dass es auch einmal tatsächlich geschneit hat irgendwann.
Und auch diese Verbindung zu meinen Großeltern hat sich erst gelöst später. Als meine Kinder auch schon geboren waren. Also, es war vollkommen klar: Wir sind, Heiligabend sind wir für uns. Am Anfang waren mein Mann und ich noch bei meinen Eltern. Davon haben wir uns dann irgendwann losgemacht. Haben den ersten Weihnachtsfeiertag freigehalten für meine Schwiegermutter. Und sind dann am zweiten Weihnachtsfeiertag bei meinen Eltern gewesen. Und so ist es halt immer noch. Und auch, wir waren dann nicht bei meinen Eltern. Sondern dann zusammen mit meinen Eltern bei meinen Großeltern. Und so ist es halt immer noch.
Und ich musste sehr schmunzeln, dass mein kleiner Bruder… Der mittlerweile dann auch schon seit ein paar Jahren die Autismus-Diagnose auch komplett hat. Der auch vorgestern bei mir im Wohnzimmer saß und sagte: Übrigens, ich nehme meine Mama und Papa mit nach Hause. Die können Weihnachten bei mir feiern. Das ist, glaube ich, wichtig. Also, dass wir tatsächlich auch nochmal wieder zurückkommen auf Familie. Wo das halt einfach not…, wo es möglich ist.
Mirjam Rosentreter: Warum hörte sich das gerade an wie ein Entlastungsangebot deines Bruders?
Pia Richarz: Ja.
Mirjam Rosentreter: Also er nimmt dir die Eltern sozusagen ab?
Pia Richarz: Ja, also… Ja quasi. Und wir haben uns nämlich darauf geeinigt vor ein paar Jahren. Weil das immer wieder stressig wurde. Meine Eltern auch gesundheitlich angeschlagen sind, meine Mutter…
Mirjam Rosentreter: Entschuldigt, hier fliegen total laute Flugzeuge gerade über mir herum. Die ich auf meinen Kopfhörern höre. Also das zur Erklärung, was hier für komische Dröhngeräusche im Hintergrund sind. Du darfst weiterfahren.
Pia Richarz: Meine Eltern sind gesundheitlich angeschlagen. Und wir haben irgendwann vor ein paar Jahren, vor Corona auf jeden Fall angefangen auch zu sagen: Naja, wir möchten die Last von meiner Mutter nehmen. Dass sie da zu Hause steht, alles vorbereitet und so weiter. Weil sie da einfach auch dann immer sehr perfektionistisch ist. Und das war dann wieder Stress. Und dass wir gesagt haben: Wir gehen gemeinsam essen. Und das haben wir auch. Das haben wir jetzt zum Beispiel am zweiten Weihnachtsfeiertag. Aber Heiligabend finde ich das schon gut. Und ich weiß dann auch einfach, dass meine Eltern gut versorgt sind. Und nicht alleine sozusagen zu Hause sitzen müssen.
Marco Tiede: Bei dem Stichwort ‚Perfektionismus‘ kommt mir so die Frage auf: Bist du auch perfektionistisch, was Weihnachten angeht?
Pia Richarz: Autistisch innerlich ja, ADHS mäßig nein. Also, das ist ja glaube ich das Drama meines Lebens. Dass ich einerseits natürlich auch einen Perfektionismus habe und einen ganz hohen Anspruch an mich selber. Das habe ich zum Studien-Ende gemerkt. Dass ich da tatsächlich denke so: Boah, das will ich jetzt! Aber es interessiert ja eigentlich gar keinen, ob ich da jetzt unter 2.0 bin oder nicht. Aber das war mir so wichtig!
Mirjam Rosentreter: Du studierst übrigens, also das weißt du, aber ihr wisst es noch nicht: Sozialwissenschaften, also Soziale Arbeit.
Pia Richarz: Ich habe soziale Arbeit im Bachelor studiert. Und werde jetzt im Januar anfangen, Sozialmanagement zu studieren. Und da sind wir immer wieder bei dem ADHS-Thema.
(Mikrostörgeräusch)
Mirjam Rosentreter: Das war das Mikro. (schmunzelt)
Pia Richarz: ADHS grätscht mir da immer wieder rein. Also ich bin ja von Haus aus ein Prepper, weil ich Schiss habe. Und ganz viele Vorkehrungen, also von Dosensuppen über Campingkocher und so weiter. Das finde ich toll. Meine Kinder haben auch nur einen Pool, weil der knapp 20.000 Liter fasst! Und naja, der steht auch das ganze Jahr über. Damit man im Notfall, in der Krise mit Wasser versorgt ist. (schmunzelt)
Mirjam Rosentreter: (schmunzelnd)Dass man abkochen könnte.
Pia Richarz: Aber letztlich ist es halt mein ADHS, was immer wieder auch reinkickt. Und was mir auch eine unheimliche Unordnung beschert. Und jetzt auch zum Beispiel mit diesem Studium. Ich habe einen anspruchsvollen Job. Und meine Mutter sagt immer: „Boah, also ich glaube, so ein Bürojob, das wäre nichts für dich. Du würdest doch da untergehen!“ Also, jeder Tag ist anders. Das finde ich toll. Aber trotzdem hat es irgendwie nach eineinhalb Jahren nicht mehr gereicht. Dass ich dachte, ich brauche eine neue Herausforderung.
Mirjam Rosentreter: Ja, du bietest allumfassende Beratung an. Du bist sozusagen… Ich finde dieses Wort eigentlich ganz schlimm, vor allen Dingen für alle, die Veganer und Vegetarier sind: Du bist eine ‚eierlegende Wollmilch-Sau‘ für Familien mit autistischen Kindern. Du bietest allumfassende Beratung in allen Angelegenheiten. Also in allen behördlichen, Krankenkassenmäßigen, da fällt mir jetzt der richtige…
Marco Tiede: Es gibt ja auch ein weniger fleischliches Wort.
Mirjam Rosentreter: Fällt dir eins ein?
Marco Tiede: Da würde ich jetzt mal so denglisch sagen: Allrounder.
Mirjam Rosentreter: Ja!Das klingt auch viel cooler.
Pia Richarz: Genau, aber es muss mich interessieren.
Mirjam Rosentreter: Was muss dich interessieren?
Pia Richarz: Also das Thema muss mich interessieren.
Marco Tiede: Noch mal um, noch mal auf die Perfektion. Also das ist klar, dass sich das dann nochmal gegenseitig ein bisschen kickt. Ne, also der autistische Anteil in dir sagt: Also alles schön in seiner Ordnung und Struktur. Und so weiter. Und Sicherheit. Und der ADHS-Anteil sagt dann: Ja, aber er war jetzt grad nicht. Oder ich hab grad hier noch was. Achso und da ist ein… Und so. Und jetzt ist er auch gut, so.
Schaffst du das dann irgendwann, dass du da so einen Frieden hast? Und sagst: Okay, die Glocke ist wieder da. Aber es müssen jetzt nicht alle, alle Lametta-Strünke gehängt werden. Oder keine Ahnung, was ihr so in den Baum tut. Ich weiß noch, dass wir damals, aber das ist glaube ich noch ein anderes Kapitel: Im Osten das Lametta immer wieder neu zusammengelegt haben. Jedes Jahr neu verwendet haben. Weil wir im Osten ja so nur so ein Alu-Lametta hatten. Und wenn wir richtiges ‚West-Lametta‘ hatten in Anführungsstrichen. Dann wurde das auch immer wieder fein säuberlich glattgestrichen und weggestrichen.
Mirjam Rosentreter: Das hat meine Oma im Westen auch gemacht. Das ist so die Kriegsgeneration.
Marco Tiede: Aber auch nachhaltig. Du musst ja nicht jedes Jahr ein neues Lametta. Aber das meine ich nicht. Sondern, wie schaffst du es dann, diesen Perfektionsanspruch an dich ein bisschen zu senken? Um für dich auch mehr Entspannung hervorzuheben?
Pia Richarz: Ich habe das in den letzten Jahren für mich runtergeschraubt. Und ich habe gar keinen Fahrplan mehr im Kopf für die Feiertage. Also genau, das ist mutig.
Marco Tiede: Das finde ich auch.
Pia Richarz: Das wäre vor zehn Jahren überhaupt nicht gegangen für mich. Also vor zehn Jahren wäre ich… Das wäre schlimm gewesen.
Marco Tiede: Aber auch weil die Kinder kleiner waren, oder?
Pia Richarz: Ja, auch. Ja. Und auch, weil ich mittlerweile mit den Jahren auch einfach da eine gelassenere Haltung habe. Also, ich habe seit ungefähr fünf, sechs Jahren das Gefühl: Egal, was es wird, und egal, wie es wird, es wird gut am Ende.
Und von daher bin ich da relativ entspannt. Und bin da relativ… Jetzt natürlich seit zwei Jahren, seitdem ich berufstätig bin… auch nochmal anders… also Vollzeit berufstätig bin… nochmal anders aufgestellt. Aber ich habe keine Planung aktuell. Also ich weiß: Wir kaufen nächsten Samstag. Mit meinem Bruder und mit meiner Schwägerin und mit meinen Neffen fahren wir los. Und kaufen den Tannenbaum. Das weiß ich, ne? Und wir suchen den aus. Ich habe noch nicht geplant… Doch: Ich weiß, es gibt Kartoffelsalat und Würstchen. Alles andere habe ich noch nicht. Und das ist auch okay.
Mirjam Rosentreter: Also auch noch keine Geschenke?
Pia Richarz: Doch, aber die sammle ich ja schon das ganze Jahr über. Also das ist ja schon so bei Menschen… Abgesehen von vielleicht dann meinen Kindern, da ist es für mich noch mal ein bisschen was anderes. Aber Menschen so in der Familie, meine Eltern, meine Geschwister und so weiter. Die bekommen von mir auch nur Geschenke, auch zum Geburtstag, wenn ich wirklich was weiß.
Und deswegen bin ich da ganz entspannt. Und deswegen halte ich immer das Jahr über die Augen auf. Und denke so: Oh ja, cool, das kaufe ich jetzt, weil. Da achte ich auch nicht auf den Wert. Und denke so: Oh, das muss ganz gerecht sein. Also meine Mutter ist losmarschiert. Dann gab es 50 Mark von meiner Oma. Und dann musste, und wenn es 49,90 waren, dann wurde noch ein Lolli dazu gekauft. Damit das ja gerecht ist. Das ist heute für mich so zum Beispiel kein Thema.
Marco Tiede: Und bist du dann auch trotzdem entspannt. Wenn du sozusagen keine Idee hattest für ein Geschenk? Sagst du: Ja, gerade war mir keine Idee gekommen, sondern…
Pia Richarz: Genau, das habe ich jahrelang kommuniziert mit meiner Familie. Und was wollen sie machen? Also nicht mehr mit mir sprechen wäre schwierig. Aber für die Kinder, wie gesagt, ist es nochmal was anderes. Aber auch da sind wir glaube ich an diesem Punkt. Mittlerweile auch im Alter der Kinder, dass sie das verstehen. Und also meine Tochter ist… Die hatte im Leben zwei Wünsche! Also, die ist so wunschlos… glücklich will ich jetzt nicht unbedingt sagen, aber sie hat keine speziellen Wünsche. Und wieso sollte ich dann losziehen und was kaufen? Natürlich versuche ich sie zu animieren und zu sagen: Guck mal, das wäre doch schön oder das. Und wir haben…
Marco Tiede: Aber im Prinzip, wenn ich dich richtig verstehe, hast du dann sozusagen zwei Ankerpunkte: Das ist der Weihnachtsbaumkauf und die Gewissheit, es gibt Kartoffelsalat und Würstchen. Was ja, glaube ich, schon mal eine gute Grundlage ist, um vielleicht für den Rest eine Art Gelassenheit zu haben.
Pia Richarz: Genau. Weil letztlich man halt einfach merkt, dass sowieso wieder alles anders ist. Und ich habe gemerkt, dann bringt es mich aus meiner Routine raus. Dann bringt es mich raus von meinem Plan A bis Z, den ich in meinem Kopf hatte. Und wenn dann Plan A1 oder A3 eintritt, dann habe ich ein Problem. Also nicht… Sondern ein Szenario, was ich mir ausgedacht habe. Und dann bin ich komplett raus. Und dann bin ich nicht funktionsfähig. Und deswegen versuche ich so langsam… Ich bin immer noch – egal, in welcher Situation, wenn sich etwas ergibt, dann überlege ich auch: Oh Gott, was könnte sein? Und habe Pläne in meinem Kopf.
Und die Lebenserfahrung zeigt für mich aber einfach: Je älter man wird, desto mehr Lebenserfahrung hat man. Desto mehr Ankerpunkte hat man. Desto mehr kann man sagen: Ich muss gar nicht vielleicht alles durchdenken. Also dann sind wir wieder an dem Punkt, wo man sagen kann: Am Ende wird alles gut.
Marco Tiede: Glaube ich.
Mirjam Rosentreter: Das geht aber doch nur, wenn du zumindest mit deinem Mann an einem Strang ziehst, oder?
Pia Richarz: Ja, genau. Also das funktioniert an der Stelle jetzt nur so. Also in diesem Jahr war es halt so, dass er jetzt, wie gesagt: Er kommt erst morgen wieder. Er war acht Wochen weg. Das heißt, er hat jetzt gar nicht in unsere vorweihnachtlichen Vorbereitungen sozusagen mit reingegrätscht. Die Kinder haben sich jetzt irgendwann mal gewünscht, dass sie Spekulatius bekommen.
Und ansonsten haben wir uns noch nicht auf Weihnachten eingestellt. Das werden wir dann wahrscheinlich machen, wenn er wiederkommt. Und haben dann, weil diese Aufzeichnung ja vorher ist, noch ein paar Tage, um uns einzustimmen. Und dann werde ich ihm da auch das Feld tatsächlich überlassen. Weil ich das sehr dann auch von ihm aus orientieren werde. Jetzt habe ich es bisher, haben wir uns, habe ich mich an den Kindern orientiert. Und bei denen war einfach so, wir kommen jetzt erst mal rüber.
Mirjam Rosentreter: Wohnen die denn alle noch zu Hause, um das kurz zu klären?
Pia Richarz: Ja, genau.
Marco Tiede: Ja, du hast gerade so beiläufig noch erwähnt, dass es dich sonst ‚aus den Routinen trägt‘. Welche Routinen tragen dich denn? Also gewisse Routinen müssen ja schon aufrechterhalten werden, damit du eben, wie du sagst, das auch gut überstehen kannst. Und die Zuversicht behalten kannst.
Pia Richarz: Ja, also bezogen auf Weihnachten generell oder jetzt auch auf diesen Umschwung ist es jetzt für mich so, dass Arbeit für mich gerade eine Routine ist. Also ich habe ja vorher schon selbstständig gearbeitet. Jetzt in einem Angestelltenverhältnis. Das heißt, es gibt einen Dienstplan. Der ist auch nicht unvorhersehbar. Sondern es ist klar, immer in dieser Zeit. Ich muss nicht am Wochenende arbeiten. Ich habe keinen, keinen Nachtdienst, keine Bereitschaft, irgendwas.
Das ist, merke ich gerade für mich: Das, was mir in den letzten 40 Jahren das Erste, was mir eine Routine gibt. Also, natürlich könnte man jetzt sagen: Schule wäre auch noch so eine Routine. Aber ich bin nie gern zur Schule gegangen.
Mirjam Rosentreter: Du hast ja erzählt, du hattest auch erst mal nur einen Hauptschulabschluss, ne?
Pia Richarz: Genau, also ich war auf der Hauptschule. Hab da meinen Realschulabschluss gemacht. Hab dann eine Ausbildung angefangen. Von der ich dann dachte: Oh scheiße, nee!
Mirjam Rosentreter: Was war das?
Pia Richarz: Das war Arzthelferin, wo mich… Also, ich wollte immer Hebamme werden. Und meine Mutter ist ja fast so ähnlich: Mach doch mal. Und ich habe mir dann schon was Spannenderes ausgesucht, also ein spannenderes Schwerpunktthema. Aber ich habe gemerkt so… Und habe in der Zeit damals auch meinen Mann kennengelernt. Und habe dann beschlossen, noch mal zur Schule zu gehen. Habe dann… Also vorher hatte ich auch noch ein FSJ gemacht. Aber ich habe…, bin dann noch mal zur Schule gegangen. Habe 11.,12. Klasse gemacht. Habe Fachhochschulreife, nein wie heißt es: Fachoberschulreife erlangt.
Und dann haben wir beschlossen Kinder zu bekommen. Das hat erst nicht so geklappt. Und mit der Zusage für die Hochschule, und dass mein Mann genommen wird, hatten wir dann einen positiven Schwangerschaftstest. Und dann haben wir gesagt: Okay dann studiert jetzt erst mal mein Mann.
Mirjam Rosentreter: Da warst du 20.
Pia Richarz: Genau, da war ich 20, ja, genau. Also wir haben relativ früh auch geheiratet und… Weil das für uns halt klar war, sozusagen. Und wir haben fast alle Kinder noch während des Studiums meines Mannes bekommen. Das war super. Also das ist totaler Irrsinn, wenn man darüber nachdenkt. Dass man über soziale Sicherung und so weiter nachdenkt. Das hätte auch alles total in die Hose gehen können! Aber es war rückblickend die beste Zeit. Also meine drei Kinder, die das voll erlebt haben. Mein großer Sohn ist vorher noch mit meinem Mann auch in der Vorlesung gewesen. An der Uni und so weiter.
Wenn ich heute noch da bin, muss ich wirklich schmunzeln: Wie er da saß und in dem Teich gefischt hat und so weiter.
Mirjam Rosentreter: Teich?
Pia Richarz: An der Hochschule meines Mannes waren, wie heißen die? Kois.
Mirjam Rosentreter: Ach so, und die kann man so schön streicheln.
Pia Richarz: Ja genau. Und dann saß er da immer. Und es war halt so flach, Tümpi hieß das netterweise. Und dann konnte man die Fische füttern. Und wie oft er da auf dem Bauch lag und Fische gefüttert hat. Und angelockt. Und genau das ist so… Und immer, wenn ich da jetzt noch mal bin, bei Fachvorträgen oder, oder, oder. Die da in den Räumlichkeiten stattfinden. Muss ich da tatsächlich: Sehe ich wie der Kleine auf dem Bauch liegt und Fische füttert.
Und mein, unser jüngster, unser jüngster Sohn, der ist gekommen, da war mein Mann gerade fertig. Da war er schon in der Anerkennung. In der staatlichen Anerkennung. Und der hat das gar nicht mehr so erlebt. Und doch war das rückblickend die Zeit, wo Papa Zeit hatte. Also, wenn es mir nicht gut ging, dann ist Papa zu Hause geblieben. Wenn es mir länger nicht gut ging, weil ich in der Schwangerschaft liegen musste, dann ist er halt vier Monate zu Hause geblieben. Das war alles handelbar. Und es war ein ganz, ganz großer Umbruch auch für uns als Familie, als er dann einen Job hatte. Bei einer stationären Jugendhilfe. Und das hieß dann nämlich genau das, was ich gerade gesagt habe, was ich auf meiner Arbeit nicht habe: Das heißt Nachtschichten, Wochenenddienste, unvorhersehbare Dinge. Also man denkt, er kommt um elf. Er kommt aber erst um 18 Uhr, weil da Krise ist.
Das war schwierig. Und das hat uns auch sehr als Familie glaube ich belastet. Ich glaube das sieht er mittlerweile auch so, ja, sonst würde ich das nicht sagen.
Aber das war lange Zeit sehr, sehr, sehr belastend.
Ja und jetzt ist es halt wie gesagt anders. Ich wusste danach auch, als ich festgestellt hab: Ich muss jetzt als Sozialarbeiterin arbeiten! Ich habe ja nur aus Spaß studiert! Weil ich dachte, ich brauche irgendwas. Genau ja. Ich saß zu Hause, dachte: Ich kann ja nicht hier nur Wäsche waschen. Das kann ja nicht mein Lebensziel sein. Und dachte so: Oh gott! Und ich habe ja auch tatsächlich in dem Moment ja noch keine Ausbildung gehabt. Und als klar war, ich muss jetzt als Sozialarbeiterin arbeiten… Und das war am Anfang ein Muss. Ja und jetzt ist es halt wie gesagt anders.
Marco Tiede: Aber ausgehend von der Frage nach den Routinen ging es also darum: Dass entweder Studium oder Arbeit ein Teil deiner Routinen sind, die für dich überlebenswichtig sind, ne?
Pia Richarz: Genau, jetzt ist es ja klar. Vorher im Studium wenig. Ich hab im Fernstudium studiert, das war (lacht) wenig Struktur gebend. Aber, ähm…
Marco Tiede: Naja, die muss man sich dann selbst geben. Ich hab mal auch versucht ’n Fernstudium anzufangen. Hab’s nicht zu Ende gekriegt. Mangels Struktur. Ich bin mal kurz weg, ich bin gleich wieder da.
(Marco steht auf)
Mirjam Rosentreter: Ach so, ja. Geh mal wohin.
Pia Richarz: Ja, weil das eine feststehende Routine ist. Also ich bin auch. Viele sagen ja dann auch, wenn man so ein bisschen angeschlagen: Bleib doch zu Hause! Das könnte ich nicht. Weil ich weiß, dann verliere ich die Routine. Und würde wieder in andere Dinge sozusagen reinrutschen. Es ist für mich eine ganz klare, von außen gegebene Struktur. Und an der ich mich jetzt langhangele in meiner neuen sozusagen Lebenswelt. Vorher hatte ich relativ wenig Struktur. Also, wie gesagt: Ich war zu Hause. Ich habe online studiert. Es war nichts wirklich Strukturgebendes. Es waren immer nur die Schulzeiten der Kinder. Und die Ferienzeiten der Kinder.
Und wo wir auch da wieder…. Um hier auch nochmal die Brücke zu schlagen: Wo wir auch uns immer ausgeklinkt haben, sind jetzt zum Beispiel auch die Ferien. Also früher, ganz früher, als meine Kinder klein waren, fand ich es ganz schlimm, wenn die Kita-Schließungszeit hatte. Das fand ich ganz schlimm. Weil, das hat mich so herausgefordert! Eben wie das so ist, das Leben mit neurodivergenten Kindern.
Und jetzt merke ich… Irgendwann gab es dann einen Bruch und einen Wandel. Und ich merke so: Diese Ferien, dass es total gut ist, auch mal ohne eine Routine zu sein. Auch mal es einfach laufen zu lassen. Und das ist sowas, was wir dann zum Beispiel Weihnachten halt auch, also in diesen Weihnachtsferien halt auch machen werden. Es einfach laufen lassen. Wir haben eine Tradition, wir bestellen Essen am letzten Schultag. So, da bestellen wir eine Pizza oder was gerade gewünscht wird. Und läuten damit die Ferien ein. Und dann ist es halt wirklich so strukturlos wie möglich. Weil ich weiß, dass das auch helfen kann, den Akku aufzuladen. Von diesen ganzen Strukturen, die die Gesellschaft vorgibt. Also Schule und so weiter. Wenn ich die Kinder dann dort wieder reinreißen würde. Und wieder ganz viel vorgeben würde. Es ist ja wieder etwas, woran sie sich… Natürlich sollen sie Strukturen haben, wo sie sich dran langhangeln können. Aber es soll nicht sein, was von außen aufdiktiert ist. Wo sie wieder in Überforderung gehen können.
Marco Tiede: Ja, das ist ja auch noch ein interessantes Spannungsfeld. Also, erstmal diese gesellschaftlich erwarteten Strukturen auch mal ruhen zu lassen. Und gleichzeitig aber auch eigene Strukturen zur Verfügung zu haben. Um trotzdem nicht die Sicherheit zu verlieren.
Weil das ist ja mal das, was dann auch in den ganzen Ratgeberseiten gesagt wurde: Es sollte so viel wie möglich Vorhersehbarkeit geschaffen werden. Aber es könnte ja auch eine Vorhersehbarkeit sein, zu sagen: Ihr wisst, dass es nichts zu planen gibt. Oder so. Ich weiß nicht, wie das mit den Kindern früher gehandhabt wurde. Als sie noch kleiner waren. Wenn sie dann aus den gewohnten Strukturen dann im Kindergarten kamen.
Pia Richarz: Früher hatten wir ganz viel… Ganz früher hatten wir ganz viel Routinen. Wir hatten ganz viel Strukturen. Wir haben mit Plänen gearbeitet. Alles war durchgetaktet. Weil es gar nicht anders ging. Und je älter sie werden und je selbstständiger sie halt auch werden, versuchen wir das. Oder versuche ich das auch. Wie gesagt: zurückzuschrauben.
Und ich finde die Sicherheit… Also, ich habe das gemerkt: Mein zweiter Sohn hat da sehr allergisch darauf reagiert, wenn jemand Fremdes in unserem Haus war. Das hat den komplett aus dem Konzept gebracht. Und seitdem ist es halt einfach so: Zu Hause ist die Routine. Also im Sinne von: Das ist zu Hause. Ich weiß, hier kann mir nichts passieren. Und das ist mein Ankerpunkt. Hier darf ich sein wie ich bin. Wenn ich nackt durch die Gegend laufen möchte, dann darf ich nackt durch die Gegend laufen.
Wir hatten ein Jahr ein Au-pair. Das war für mich eine ganz große Herausforderung. Weil dieses gesamte, was man sich so aufgebaut hat und ohne es als Routine zu benennen… Aber, es sind ja so Dinge, die sich einpendeln. Und wo halt jedem klar ist, das sind hier diese Regeln in diesem Haus. Ich werde hier nicht überrascht.
Mirjam Rosentreter: Und die hat ja wahrscheinlich dann auch wieder irgendwelche gesellschaftlichen Ansprüche daran, wie Familie zu sein hat, irgendwie mit reingetragen.
Pia Richarz: Weniger. Also, das ist jetzt auch nochmal ein spezieller Sonderfall, aber: Es war ein junger Mann. Das war halt einfach so, wo ich gesagt habe: Da war halt jemand im Haus, ein Jahr lang.
Marco Tiede: Das verändert ja immer was in den Strukturen, klar. Weil es fängt ja an bei Absprachen: Wer geht wann ins Bad. Und dann ist noch einer mehr, der eingetaktet werden muss.
Pia Richarz: Und dafür brauchen wir seit vielen Jahren keinen Plan mehr. Sondern das läuft halt einfach.
Mirjam Rosentreter: Läuft das so gut, weil ihr einen Punkt erreicht habt, wo ihr super miteinander kommunizieren konntet?
Pia Richarz: Ja.
Mirjam Rosentreter: Wann war dieser Punkt? Wann ist es gelungen, miteinander das auszuhandeln, wie ihr zusammenleben wollt?
Pia Richarz: Zwischen den Kindern und mir schon länger. Nach meiner Diagnose, glaube ich, wo ich dann auch verstanden habe, das muss jetzt laufen. Und bei meinem Mann seit ungefähr eineinhalb Jahren. Also er war vorher noch sehr neurotypisch. War sehr weit weg von den Strukturen, wie es gelebt wurde zu Hause. Wo wir auch regelmäßig uns auch… Also, wir sind steil gegangen quasi. Also, er hatte eine Auffassung, wie das gesellschaftlich laufen muss. Und natürlich auch, wie das sein beruflicher Kontext prägt. Weil er einfach das andere Extrem sieht. Wo es hinführt, wenn es keine Strukturen zum Beispiel im Haushalt gibt. Aber ich war da halt auch immer auf der autistischen Seite sozusagen. Und hab halt auch immer versucht zu sagen, so hier an dieser Stelle ist das und das und das wichtig. Aber hier das ist überhaupt nicht wichtig.
Also, schönes Beispiel, mein Mann – wo wir gerade bei der Nacktheit waren – mein Mann wollte immer, dass unser Sohn sich was anzieht. Und ich gesagt habe: Warum? Also, ich finde es wichtig, dass er draußen was anzieht. Damit wir den gesellschaftlichen Normen entsprechen können. Oder er. Aber an diesem Punkt: Hier zu Hause soll es so sein. Und das waren am Anfang noch Kämpfe, die wir lange ausgefochten haben. Und auch die belastend waren sozusagen für unsere Ehe. Wo dann halt aber auch klar war… So mittlerweile, wo er der Stay-Home-Dad ist… er das ja auch nochmal anders lebt und mitbekommt. Und auch merkt: Es ist viel wichtiger, dass wir im Haus funktionieren. Weil im Haus, solange wir im Haus funktionieren und diese gemeinsamen Regeln haben. Und das Agreement. Und jeder das mittragen kann.Solange schaffen es die Kinder, Kraft zu tanken sozusagen, den Akku aufzutanken. Für das, wo sie draußen angepasst sein müssen. Wo sie sich draußen diesen Strukturen, die wir nicht vorgeben können, gefügt sein müssen.
Mirjam Rosentreter: Du hast gesagt, dass dein Mann auch das andere Ende kennt. Was passiert, wenn alle…, wenn keine Struktur ist. Durch seine Arbeit. Aber du ja auch jetzt durch deine Arbeit in dem…, in der Unterkunft für wohnungslose Frauen, oder?
Pia Richarz: Genau. Und das hat mich… Am Anfang war es so, dass ich nach Hause gekommen bin und gedacht habe: Boah, was haben wir für ein Glück im Leben! Und auch gemerkt habe, dass all das, was…
Früher habe ich zum Beispiel gedacht, das ist für Autisten total wichtig, dass sie Abitur haben. Weil mit nem Abitur haben sie die Möglichkeit, wenigstens in ein Studium zu gehen. Und haben mehr Möglichkeiten. Heute denke ich darüber anders und denke: Puh, wenigstens, also ein Abschluss wäre gut. Ein Schulabschluss wäre gut. Weil ohne Schulabschluss ist es wirklich schwierig. Es gibt da immer noch sicherlich dann andere Konstellationen. Aber für die angepassten, sozusagen Autisten, die die Option haben. Wo man sagen kann, man sieht sie in einer Berufstätigkeit, ist es glaube ich wichtig. Dass man wenigstens einen Schulabschluss hat.
Das sind Sachen, die sich für mich verschieben. In der Haltung auch. Und dass ich… Wir haben sehr viele junge Menschen, dann in diesem Bereich halt auch einfach sehr viele junge Frauen. Wo man halt merkt so: Also die sind zum Teil jünger als meine Kinder. Wo ich nach Hause komme und denke: Boah, alles gut. Also das sind so Sachen, die einen belasten. Die kann man sich ja nicht ausdenken.
Mirjam Rosentreter: Vermutest du denn, das hört man ja immer wieder, bei der einen oder anderen auch Autismus oder eine Neurodivergenz im Hintergrund?
Pia Richarz: Manchmal kommt das vor. Manche Frauen stellen sich so auch vor. Und deswegen kommen sie sozusagen über das Netzwerk zu uns. Also Netzwerk im Sinne von, sie melden sich bei einem Leistungserbringer der Eingliederungshilfe. Und die sagen: Gehen Sie doch da mal hin!
Mirjam Rosentreter: Also zuerst klären wir das Problem mit der Wohnungslosigkeit.
Pia Richarz: Wohnungslosigkeit, genau. Also die wohnungslos sind. Und dann schauen wir mal weiter. Das hatte ich jetzt tatsächlich schon öfter. Und aber hauptsächlich ist es wirklich ADHS. Also, dass ich wirklich auch da denke: „Konsumieren Sie was?“ Nein. Und ich denke: „Okay, dann wäre vielleicht, ich möchte ich nicht so nahetreten, aber vielleicht wäre es clever, das mal abklären zu lassen.“ Wo ich halt auch einfach denke, das ebnet dann nochmal einen Weg. Um wieder gesellschaftliche Teilhabe erleben zu können. Weil in diesen Fällen sind… Also, was ich gerade auch im Kopf habe, ist ein Fall: Da ist die Frau lange aus jeglichem gesellschaftlichen Kontext raus. Und das fing schon in ihrer Kindheit und Jugend an. Und ich glaube, dieser Frau zum Beispiel würde es wahnsinnig helfen. Wenn wir recht haben sozusagen. Und sie wirklich eine Diagnose bekommt. Und daran arbeiten kann.
Marco Tiede: Interessant ist, dass wir immer vorausschieben: ‚Wir wollen Ihnen nicht zu nahetreten, aber‘. Also, eigentlich ist es ja: ‚Ja, ich möchte dir nahetreten, um dir eine Möglichkeit von Unterstützung zu geben. Weil du dann mehr Gewissheit über dich hast‘. Aber ich kenne das. Weil, meine Mutter hat auch im Kindergarten gearbeitet. Und wenn die dann so Kinder hatte, die mutmaßlich neurodivergent waren, dann hat sie früher immer so eine Haltung gehabt: Ja, das kann man den Eltern ja nicht sagen. Dann sind sie ja völlig verzweifelt und denken… Nein, sind sie nicht!
Pia Richarz: Das kommt auch sehr darauf an. Also, ich habe ja noch eine Selbstständigkeit nebenher und mache Autismus-Beratung bei Eltern. Und das lerne ich auch, das ist nochmal ein Unterschied in der Arbeit. In dem Fall rufen mich Eltern an und wollen meine Hilfe. Da kann ich auch sitzen und kann sagen: Wir machen das jetzt so, so, so, so und so. Und das ist clever. Und dann machen wir das so als Team.
Das funktioniert an der Stelle nicht. Und das ist auch gut so, weil ich gemerkt habe: Jeder hat da seine eigene Lebensrealität. Und die sollen nicht das machen, was die Sozialarbeiterin sagt. Sondern von dem ich sie abholen kann und ihnen das vermitteln kann, dass es gut ist. Oder dass es sinnvoll ist. Und das ist relativ. Ja, das ist, das ist auf mehreren Ebenen ist es eine Herausforderung. Weil, viele haben im Zweifelsfall keine Krankenversicherung.
Alleine in Niedersachsen einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen, zum Beispiel ohne einen Personalausweis. Ist eine Herausforderung. Also, es sind so kleine Dinge, die da einfach… Und die ja uns mit einem festen Wohnsitz, uns Menschen ja schon vor eine Herausforderung stellen. Also, um an eine Diagnose zum Beispiel auch zu kommen.
Hier können wir immer nur Ideengeber sein. Und ich finde es dann ganz gut, wenn das in dem Kopf der Person einfach keimt. Und wir werden das in diesem Fall, weil die Hilfe auf kurze Zeit nur angelegt ist, also ungefähr maximal 18 Monate. Werden wir das nicht begleiten können. Aber es ist etwas, was ich mitgeben kann. Wo vielleicht noch niemand darauf hingewiesen hat. Und ich sehe das in dem Fall dann wirklich nur als Hinweis. Und weil, wie gesagt, alle anderen Probleme sind in diesem Fall für diese Frau in dem Moment überlagernd.
Marco Tiede: Naja, klar. Aber das würde ja einiges erklären. Wenn wir jetzt nochmal das auf diese Ebenen aufteilen. Du hattest ja nachgefragt, wohin die Strukturlosigkeit führen kann. Das ist ja dann im biografischen Sinn, dass Menschen dann durch eine neurodivergente Veränderung nicht zwangsläufig auf der Straße landen. Aber möglicherweise es ihnen leichter passiert. Weil bestimmte Strukturen nicht da sind. Oder nicht eingehalten sind.
Pia Richarz: Genau.Weil sie, naja, ich glaube, weil sie durch jegliches Raster fallen.
Marco Tiede: Eben ja.
Pia Richarz: Also, das geht los in der Schule. Wo ich unheimliches Glück hatte. Ich hatte auf der Hauptschule, ich hatte Lehrer, die mir Huxley zu lesen gegeben haben. Also, ich habe später, in der Fachhochschule hatte ich Lehrer, die sich, die gesagt haben: Okay, du musst keine Gruppenarbeit mache. Dann machst du halt das für fünf alleine. Das ist okay für uns. Ich hatte einfach auch immer Glück. Ja, großartiges, wahnsinniges Glück.
Und ich glaube, wenn man das nicht hat. Dann kann man leicht durchs Raster fallen. Und das sehe ich in der Beratung heute. Wenn Schule scheitert. Wenn Kinder nicht in das Schulsystem passen. Wenn wir keine Alternativen zu einer Beschulung haben in Präsenz und so weiter.
Marco Tiede: Und wenn du sagst, du hattest viel Glück oder immer wieder Glück. Ich glaube, das hat dann wieder auch was, wenn man jetzt mal von der biografischen Struktur in die familiäre Struktur zurückkommt. Was ja vielleicht auch so ein bisschen Ausgang der Frage war. Im Sinne von: Wohin könnte denn eine Strukturlosigkeit im familiären Alltag führen? Zum Beispiel jetzt auf Weihnachten bezogen: Jetzt neuerdings Entspannung. Aber früher vielleicht auch viel Anspannung. Wenn es keine Kommunikation dazu gab. Aber ich habe jetzt auch den Faden verloren. (schmunzelt) Weiß nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Ich gebe mal an dich.
Mirjam Rosentreter: (lacht)Ich sitze hier mit meinen Notizen aus unserem Gespräch. Und habe da die ganze Zeit eine Notiz eingekreist: „Meine Diagnose war ein richtiger Frieden für unser Familiensystem.“
Pia Richarz: Ja, weil ich das erste Mal mich verstanden habe. Weil ich vorher immer gescheitert bin. In der Schule hatte ich das Gefühl, ich scheitere, bei allem. Und mit der Diagnose habe ich für mich verstanden: Ich bin gar nicht so seltsam. Also ich kann da nichts für. Es ist, wie es ist. Ich mache natürlich das Beste draus. Und das ist keine Universalentschuldigung für irgendwas. Das finde ich nämlich auch immer sehr schlimm. Aber, ich kann mich verstehen. Und es erklärt so viel!
Es erklärt, wie meine Mutter ist. Es erklärt, wie mein Vater ist. Und es zieht sich bei mir in der gesamten Familienbiografie ja durch. Ich habe drei Brüder. Davon hat einer die offizielle Diagnose. Bei zweien ist das so klar! Also, da brauchen wir nicht drüber sprechen. Und ich fand es so erschreckend, dass mein einer Bruder, der keine Diagnose hat, die Tochter war im Kindergarten. Und in der Krippe. Und wurde in der ersten Woche darauf angesprochen: „Sagen Sie mal, gibt es eigentlich bei Ihnen Autismus in der Familie?“
Und letztlich ist es etwas, was sich erklärt. Und was so viel Frieden auch zu meinen Eltern geschaffen hat. Ich erinnere mich noch daran, dass mein zweiter Sohn, der ist sehr ADHS lastig, also der ist mit acht Monaten freigegangen. Wir sind ständig in der Notaufnahme gewesen. Weil er überhaupt gar keine Gefahren einschätzen konnte. Hat sich ständig irgendwie verletzt. „Und ich verstehe gar nicht, warum du dich so aufregst, du warst früher als Kind ganz genauso!“
(Mirjam und Marco lachen)
Marco Tiede: Haben deine Eltern gesagt.
Pia Richarz: Nein, meine Großmutter hat das gesagt.
Mirjam Rosentreter: Hast du mal den Baum umgeschmissen?
Pia Richarz: Nee, so weit ist es nicht gekommen. Aber, ich glaube, ich habe meinen Eltern ziemlich viel Frust bereitet. Und das halt im Kontext der 80er und 90er Jahre, ist das nochmal, glaube ich, anders zu bewerten. Und seitdem ich Kinder habe. Und seitdem ich eine Diagnose habe. Und meine Kinder eine Diagnose haben. Ist es, glaube ich, alles… Wo ich auch sagen kann: Es erklärt so viel! Und ich habe da Frieden geschlossen, weil ich weiß: Ich habe Glück. Ich kann mir Hilfe organisieren. Und meine Eltern waren an dem Punkt, wo sie es nicht konnten.
Marco Tiede: Und wahrscheinlich war das für deine Eltern ja auch, gerade in der Zeit, 80er, 90er, leider immer auch sehr schuldbehaftet. Dass sie immer dachten, sie machen irgendwas falsch.
Pia Richarz: Genau, und das war ja…
Marco Tiede: Oder es wird ja auch ständig den Eltern nahegelegt: Hast dein Kind nicht im Griff oder was?
Pia Richarz: Ja, genau.
Marco Tiede: So denn diese Sprüche.
Pia Richarz: Ja, und ich glaube, seitdem ist halt auch eine Entspannung halt einfach möglich. Weil ich halt meine, wie gesagt: Ich kann meine Eltern verstehen. Alleine durch, dadurch, dass ich neurodivergente Kinder habe. Und ich kann meine Eltern verstehen, dass sie da so auch Probleme mit mir hatten. Und ich verstehe für mich: Ich war nicht falsch, sondern es war das System und es war die Zeit.
Marco Tiede: Und deine Eltern konnten das für dich dann aber dann auch so aufgreifen? Dass sie nicht falsch waren, dass sie nichts falsch gemacht haben? Weil du spezielle Bedürfnisse hattest, die sie nicht befriedigen konnten. Oder die sie dann vielleicht sogar eingegrenzt haben, weil sie dachten, das gehört sich nicht.
Pia Richarz: Da haben wir tatsächlich… Das, wir haben darüber noch nicht so gesprochen. Aber, ich kann ja nur sozusagen, an dem Punkt ist es ja für mich: Dass ich, wie gesagt, Frieden damit so schließe. Und seitdem ist es entspannter. Ich glaube, doch, für meine Eltern ist das auch schon so.
Marco Tiede: Dadurch, dass du erst mal Frieden schließt, hat das ja auch Auswirkungen auf das Gesamtsystem. Und vielleicht ist das auch nochmal ein interessantes Gespräch irgendwann mit den Eltern. Dass sie vielleicht für sich realisieren: Okay, wir wussten es nicht anders. Wir haben so und so agiert. Aber wir waren nicht verkehrt deswegen. Sondern wir haben es nur nicht anders auffassen können.
Mirjam Rosentreter: Was ich sehr beeindruckend finde, ist, dass du diese ganze Lebenserfahrung jetzt in diese beiden Jobs packst, die du hast. Also einmal deine Selbstständigkeit. Und der „Brotjob“, wie du es tatsächlich genannt hast. (schmunzelt) Also das ist wirklich das letzte Wort, was mir einfällt, für eine Arbeit, wie du sie da machst. In einer Herberge für obdachlose Frauen. Du hast mir erzählt, dass du jetzt dein Studium nochmal spezialisierst auf ähm… wie heißt das… Sozialmanagement?
Pia Richarz: Sozialmanagement. Für mich verschiebt sich da auch gerade ne Priorität. Also, ich bin in die Selbstständigkeit gekommen, weil ich so viele Anfragen hatte von Menschen, die gesagt haben: „Oh, du kennst dich doch aus. Was sagst denn du dazu?“ Und so ist es gewachsen. Und ich habe mich relativ auf einen Kostenträger ausgelegt. Der hauptsächlich damit betraut war, Schulbegleitung zu bewilligen. Und diese gesamten 35a Leistungen, also alles, was für Kinder und Jugendliche mit seelischer Beeinträchtigung, Eingliederungshilfe. Das ist bei uns das Jugendamt. Da lief ziemlich viel schief. Da haben wir letztes Jahr – also ich in meiner Selbstständigkeit: Ich habe insgesamt acht Eltern begleitet. Die auch dann geklagt haben. Sie haben alle recht bekommen. In einem Fall haben wir verloren. Da war das aber noch mal eine andere Konstellation. Da ging es um Homeschooling. Und wir haben das falsche Amt verklagt. Das ist aber eine andere Geschichte. (Marco lacht) Aber das der Vollständigkeit halber. Aber ich glaube, ich habe gerade so das Gefühl: Ich habe mich – das, was wir eigentlich lernen sollten im Studium – überflüssig gemacht in meiner Arbeit. Weil dieser Bereich läuft jetzt. Ich habe sozusagen…
Marco Tiede: Also derKinder- und Jugendbereich?
Pia Richarz: Kinder- undJugendbereich. Durch den Kostenträger läuft das.
Marco Tiede: Cool!
Pia Richarz: Diese Strukturen laufen jetzt. Natürlich gibt es immer noch einen Beratungsbedarf. Der ist aber relativ gering. Das können wir am Telefon abarbeiten. Es sind nicht mehr Fälle, die ich über Monate begleite. Weil Hilfen nicht da sind. Weil Hilfen nicht greifen. Und deswegen freue ich mich halt an dieser Stelle tatsächlich dann auch sagen zu können: Cool, ich kann noch mal ein Masterstudium machen. Und das ist aber tatsächlich eher auch noch mal in dem Bereich, wo ich jetzt bin. Also für meinen Brotjob. Dass ich sagen kann: Das interessiert mich. Weil ich immer Kirmes brauche im Kopf. Und das interessiert mich. Und da kann ich das raufdrehen.
Marco Tiede: Ich glaube, Brotjob meint hier aber auch, das ist dann sozusagen die sozialversicherungspflichtige Tätigkeit. Die dann sozusagen ein Anker ist. Was ja aber nicht heißt, dass es weniger Berufung ist. Wo du auch dein Herzblut reingeben kannst.
Pia Richarz: Genau. Das hat sich jetzt auch abgelöst. Und das meine ich: Es ist halt immer sehr interessengesteuert. Also, ich habe auch schon mal Stoffwindeln verkauft in einem Onlineshop (schmunzelt). Und das hat… Alles hat seine Zeit. Und dieses Gefühl habe ich gerade: Dass diese Zeit für die Autismus-Beratung gekommen ist. Also, es ist jetzt vorbei quasi. Ich bin immer noch da. Ich habe immer noch die Anerkennung. Ich mache das immer noch weiter. Aber ich möchte meinen Fokus auf andere Dinge legen. Die mich jetzt mehr interessieren. Und das sind hauptsächlich eben diese Geschichten. Diese Lebensgeschichten sogar von Frauen. Also das hätte ich mir auch nicht… Das war auch zufällig, dass ich da gelandet bin. Aber, wo ich dann auch merke: So, das ist krass, was Frauen erleben. Und wie Frauen, gerade Frauen durchs Raster fallen. Und dass… Wir sprechen da ja zum Beispiel von der verdeckten Obdachlosigkeit. Weil diese Frauen in der Regel bei bekannten auf dem Sofa unterkommen. Oder irgendwie immer noch bei den Eltern. Oder irgendwie immer noch mal so. Und dadurch in blöde Situationen auch geraten.
Mirjam Rosentreter: Du meintest ja zu Beginn, du arbeitest Heiligabend vormittags dann nochmal. Weil ihr dann einen Brunch habt.
Pia Richarz: Wir haben das letztes Jahr schon gemacht. Und meine Tochter kommt mit. Die ist 16. Die freut sich schon, dass sie den Mettigel gestalten darf. (Marco lacht) Wir bekommen Essen aus dem Haupthaus geliefert. Wir haben einen Koch dort. Und den Rest gestalte ich dann zusammen mit der Hauswirtschaft. Und jeder kriegt ein kleines Geschenk. Was er sich vorher, ne, durfte sich was wünschen. In einem kleinen Wert. Und dazu schreibe ich noch eine nette Karte. Oder wir dann, als Sozialarbeiterinnen. Ich habe noch eine Kollegin, die mit mir dort arbeitet. Das Kollegenteam hat gerade gewechselt. Und ja, ich glaube, das wird gut.
Und am 27. werde ich auch arbeiten. Weil das so ein super langes Wochenende einfach ist. Und ich hoffe, wir gehen dann einfach ins Kino oder so. Ne, dass wir einfach was Schönes, eine schöne Zeit haben.
Mirjam Rosentreter: So ein super langes Wochenende für die Bewohnerinnen.
Pia Richarz: Ja genau, so ein super langes Wochenende, wo halt Sozialarbeit nicht anwesend wäre. Und wo wir gesagt haben: Am 27. ist wenigstens für ein, zwei Stunden jemand da. Weil gerade zu den Feiertagen einfach viele Krisen sind.
Marco Tiede: Ich glaube auch. Weil ich glaube, für die ist das ja gewissermaßen genauso wichtig: Diese Ankerpunkte oder diese Strukturen und Rituale zu leben. Wie eben für euch als Familie. Dass ihr dann da mit dem Brunch und vielleicht dem Kinogang oder was ihr dann macht, was euch vornimmt, nochmal so einen Ankerpunkt haben.
Pia Richarz: Letztlich halt auch verlässlich jemand, der einfach auch da ist. Und dass man da nicht alleine sitzt. Es ist freiwillig sozusagen. Also man muss nicht. Aber, wie gesagt, ich finde das total wichtig. Und für meine Familie ist das auch in Ordnung. Und wie gesagt: Ab 14 Uhr bin ich raus. Und dann ist es für mich dann auch Heiligabend. Also der 24. ist für mich auch wirklich nur Heiligabend.
Und ich glaube, das wird gut funktionieren. Wie gesagt, dadurch dass meine Tochter mitkommt. Ich weiß, meine Tochter wird kribbelig sein. Die wird sich mit ihrem kleinen Bruder streiten. Und die beiden werden steil gehen. Und deswegen ist es sehr schön: Meine Tochter kommt mit, hilft mit bei den Vorbereitungen. Ist aus dieser Konfliktsituation, aus der möglichen Konfliktsituation raus. Und so ist es entspannend.
Mirjam Rosentreter: Du hast drei Söhne, eine Mutter und eine Tochter.
Pia Richarz: Drei Söhne, eine Tochter, ja.
Marco Tiede: Ja, also das ist ja dann auch wieder sinnvolle Absprache. Um eben diese ganze Weihnachtstags- oder Feiertagsvorbereitung und die Feiertage selbst ein Stück weit zu entzerren. Wenn es dann da Konfliktpunkte z.B. zwischen den Geschwistern gibt. Dass ihr euch besprecht: Ja komm, ich nehme die mit. Und dann ist sie da.
Pia Richarz: Ja das hat sehr gut funktioniert letztes Jahr. Und das werden wir dieses Jahr wieder so machen. Und mein Mann wird glaube ich, am 27. ist dann meistens so das Datum dafür… Verabreden sie sich aber erst am 26. dann auch eine Familienfeier. Dann mit den, also mit meinen Brüdern und meinen Kindern. Dann ins Kino gehen. So dass das auch noch mal so ein bisschen entspannt ist. Aber auch das wird spontan sein. Also da werden wir uns jetzt noch nicht festlegen. Wir gucken: Wie fühlen sich alle? Wie ist es dann? Weil ich auch gemerkt habe: Wenn so feste Absprachen dann getroffen sind. Und sich darauf verlassen. Es muss nur ein bisschen was dazwischenkommen. Dann bricht auch wieder alles auseinander. Also, es ist ja immer wieder diese Balance zwischen: Wie viel Strukturen gebe ich vor, wie viele Strukturen sind einfach in diesem System vorhanden.
Marco Tiede: Das hatte ich auch so in diesen ganzen Webseiten gelesen. Als ich da über Weihnachten gelesen habe. Dass man da eine gute Waage finden muss. Also wenn es zu viele Festlegungen gibt, gibt es auch wieder, hätte es wieder Potenzial für Krisen. Wenn davon abgewichen wird. Und umgekehrt, wenn es zu wenig gibt, dann kann es eben auch zu Krisen führen. Weil zu wenig Halt, zu wenig Vorhersehbarkeit da ist. Also ja, ein guter Punkt.
Mirjam Rosentreter: Die ganzen Infos, die Marco zusammengetragen hat, die findet ihr natürlich wie immer auch in unseren Shownotes. Und apropos ‚finden‘: Falls ihr da Schwierigkeiten habt, die komplett zu lesen, empfiehlt es sich, über unsere Webseite, also spektrakulaer.de, mit AE geschrieben, euch zu den Shownotes durchzuklicken. Denn die ganze Liste wird von manchen Podcast-Anbietern nicht ausgespielt, also nicht gezeigt. Die bricht dann irgendwo ab. Wobei so viel Zeit sich auf Weihnachten vorzubereiten, wenn diese Folge ausgestrahlt ist, ist ja leider nicht mehr. Dann müsst ihr jetzt, wenn ihr das hier zu Ende gehört habt, relativ zügig euch durch die Shownotes durchlesen.
Marco Tiede: Fürs nächste Jahr vielleicht.
Mirjam Rosentreter: Oder zur Rekapitulation. Wenn es denn schon hinter euch liegt. Auf welchen Moment in dieser Weihnachtszeit, die jetzt noch vor uns liegt, freust du dich denn ganz besonders? … Passend fliegt wieder ein Flugzeug über mir lang und brummt.
Pia Richarz: Ich glaube auf den…
Marco Tiede: Wieso passend?
Mirjam Rosentreter: Unpassend, ja, meine ich ironisch. Weil ich in dem Moment: Ich stelle die Frage. Es entsteht eine gedankliche Pause. Und es macht im Hintergrund so das ist so ein Brrrrrmmmm.
Marco Tiede: Dann hörst du wahrscheinlich mehr über die Kopfhörer.
Mirjam Rosentreter: Ja klar, also mein Mikro ist da hingerichtet. And also nochmal: Wann hast du denn deinen Weihnachtsmoment?
Pia Richarz: Ich glaube am 26. Dezember. Wenn wir uns als Familie zusammensetzen. Und wenn wir mit meinen Geschwistern, mit deren Kindern und wenn wir einfach alle zusammen sind. Ich glaube, das wird der Weihnachtsmoment dann sein, in großer Runde sozusagen.
Mirjam Rosentreter: Was magst du an dem Gefühl?
Pia Richarz: Dass wir sehr unterschiedlich sind. Und trotzdem, dass uns alle etwas zusammen verbindet. Und ich finde es auch total schön zu sehen, wie zum Beispiel meine Kinder mit ihren, mit ihrer Cousine und ihren Cousins spielen können.
Was uns auch zum Beispiel dazu führt, dass wir jetzt in den Zeugnisferien, die es in Niedersachsen gibt. Ende Januar haben wir so eine kleine Tradition, dass wir… Am Freitag nach der Schule haben wir ein Ferienhaus in Dänemark, und ein großes für 20 Leute! Und werden da die Zeugnisferien verbringen. Das hat sich jetzt so eingebürgert. Weil wir auch merken, dass es schön ist. Also wirklich zusammen. Die Kinder sind zusammen. Und wie unterschiedlich sie auch sind. Aber dieser kleine Moment: Das ist toll zu sehen. Und darauf freue ich mich.
Mirjam Rosentreter: Schön, ja. Nach Weihnachten kommt ja diese Zeit zwischen den Jahren, wo manche sich hinsetzen und Listen verfassen. Was sie sich alles vornehmen fürs neue Jahr. Du kannst jetzt der Welt da draußen so ein paar Wünsche raustragen. Was sie sich mal vornehmen könnte fürs nächste Jahr.
Pia Richarz: Ich wünsche mir eigentlich, und das betrifft sowohl meine Kinder, meine Familie, als auch tatsächlich Klienten aus der Autismus-Beratung: Ich wünsche mir einfach, dass es vielleicht irgendwann… Das wird nicht nächstes Jahr sein: Wir ein gerechteres Schulsystem haben. Ein Schulsystem, was mehr auf Individualität eingeht. Ich wünsche mir tatsächlich auch punktuell wieder Förderschulen zurück. Weil ich denke: Es war ein toller Schutzraum für viele Kinder, die das an dieser Stelle auch brauchen. Die durch Inklusion überfordert sind. Bis dahin, das wird dauern. Und ich hoffe, ich erlebe das noch: Dass es irgendwann so sein wird. Weil ich einfach Kinder und auch Erwachsene erlebe, die im Schulsystem gescheitert sind. Und deren Leben dadurch einfach verbaut ist.
Marco Tiede: Aber, dass dieses Bildungssystem, so wie es jetzt herrscht, nicht entsprechend ist. Also, auch nicht für die neurotypischen Kinder im Übrigen. Ist ja, glaube ich, eine Binsenweisheit und allgemein bekannt. Aber Politik scheint sich da schwer zu tun, das zu verändern. Aber, das ist natürlich nochmal ein ganz anderer Sachverhalt. Der nochmal ein eigener Podcast wert wäre. Ja. Ja.
Mirjam Rosentreter: Dankeschön, Pia, dass du dir die Zeit genommen hast heute. Und deine Regel gebrochen hast, dass in dieser Zeit möglichst keine Termine mehr wahrgenommen werden, die nicht unbedingt nötig sind. Hast du für uns eine Ausnahme gemacht, das war sehr gut von dir. (schmunzelt)
Pia Richarz: Ja, vielen Dank.
Marco Tiede: Ja, danke auch.
Mirjam Rosentreter: Und natürlich euch frohe Weihnachten. Und falls Weihnachten vorbei ist, wenn ihr das hört: Einen guten Rutsch ins neue Jahr. Und falls es noch ein bisschen später ist, wenn ihr das hört: Nehmt den Schwung aus dieser Folge mit einfach in die nächsten Tage. Und gestaltet sie so, dass sie für euch und für die Lieben um euch herum passen.
Marco Tiede: Weil du gerade noch auf Neujahr verwiesen hast: Ich habe einen interessanten Tipp gelesen zu Silvester. Weil, das kann ja auch vorkommen. Dass Menschen mit dieser ganzen Böllerei und dem ganzen Bling Bling nicht klarkommen. Und, ich glaube, irgendeine Schweizer Autismus-Seite hatte den Tipp geschrieben: Bucht euch ein Zimmer in der Nähe eines Flughafens. Dort ist Feuerwerksverbot. Und verbringt den Tag dort. Klar, setzt voraus, man hat die Kohle dazu. Aber das fand ich so ein frappierend. Einfach ein Tipp oder so eine Idee.
Mirjam Rosentreter: Da braucht man natürlich die Kohle, ja.
Marco Tiede: Ja, ansonsten glaube ich, kann es vielleicht hilfreich sein, wenn man dann mehr oder weniger schalldichte Fenster: Dass man die verdunkelt, damit man da nicht so behelligt wird von dem Geböller. Gibt ja wiederum dem gegenüber auch wieder Leute, wie mein Sohn, die große Freude an dem ganzen Geböller haben. Der ist auch ambivalent, im Sinne von: Naja, ich weiß, das macht viel Dreck. Aber es macht leider auch richtig Spaß, so rumzuböllern.
Mirjam Rosentreter: Danke, Marco, für diesen kurzen Exkurs, denn ich bin kurz abgedriftet. Und mir ist wieder eingefallen: Ich habe auch noch einen Wunsch! Wir haben ja auch einen Spenden-Button auf unserer Seite. Und Weihnachten ist ja die Zeit, wo alle zu spenden aufrufen. Das tun wir hiermit auch: Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr da mal draufklickt und euch überlegt, ob ihr unser Projekt unterstützen wollt. Zum Beispiel, damit wir noch mehr Sonderfolgen produzieren können.
Und ich habe noch einen letzten Hinweis, auch weil Veränderungen ja möglichst angekündigt werden sollten: Ab dem kommenden Jahr, also ab 2026, kommen unsere Folgen nicht mehr am dritten Dienstag im Monat, sondern dann immer am letzten im Monat.
Marco Tiede: Ja, ich würde es, glaube ich, lieber formulieren, ohne ein verneinendes Wort drin: Sie kommen statt am dritten Dienstag immer am letzten Dienstag des Monats. Weil, wenn jemand hört, ‚Nicht mehr am dritten‘, dann hört er nur: Es kommt nicht mehr. Könnte passieren. Aber, das ist so mein sprachlicher, spitzfindiger Klugscheißer in mir, der sowas sagt.
Mirjam Rosentreter: Nee, das ist ein wertvoller Hinweis für glasklare Kommunikation.
Marco Tiede: Oder wäre dir das Wumpe gewesen?
Pia Richarz: Das wäre mir Wumpe gewesen.
Marco Tiede: Gut.
Mirjam Rosentreter: Bis zum nächsten Mal.
Marco Tiede: Dann Tschau.
Mirjam Rosentreter: Und abonnieren nicht vergessen.
Marco Tiede: Kommtgut rüber ins neue Jahr. Und Glocke nicht vergessen. Und dies, das, ja. Womit wir wieder bei der Glocke werden, ne? Glasglocke. Und die andere Glocke, die Abo-Glocke. Benachrichtigungsglocke.
Mirjam Rosentreter: Tschüss!
Marco Tiede: Ciao.
Pia Richarz: Tschüss.
Outro
Musik: Joss Peach: Cherry On The Cake, lizensiert durch sonoton.music
Sprecher: Das war Spektrakulär. Eltern erkunden Autismus.
Mirjam Rosentreter: Unsere Kontaktdaten und alle Infos zu unseren Folgen findest du in den Shownotes auf unserer Seite spektrakulaer.de.
Sprecher: Der Podcast aus dem Martinsclub Bremen. Gefördert durch die Heidehof-Stiftung, die Waldemar-Koch-Stiftung und die Aktion Mensch.
Sprecherin: Redaktion und Produktion: Mirjam Rosentreter. In Zusammenarbeit mit Selbstverständlich, Agentur für barrierefreie Kommunikation.
Nachklapp
Mirjam Rosentreter: Weihnachten, wenn ihr euch unter dem gemeinsam ausgesuchten Baum versammelt. Welche Kleidung tragen die Kinder dann?
Pia Richarz: Mittlerweile sind die Kinder ja groß. Aber jeder darf anziehen, was er möchte.
Marco Tiede: Und wenn dann halt die schicke Kleidung jetzt mal einfach nur nervt, die ganze Zeit sensorisch, kann ich mich ja auch nicht entspannen.
Pia Richarz: Wir haben diese schicke Kleidung gar nicht im Kleiderschrank! (schmunzelt) Also, ich habe das ja auch: Ich habe ein Jeansmodell, keine anderen Hosen. Ich trage nur diese Jeans. Und die habe ich in sechs, sieben, achtfacher Ausfertigung. Es ist immer dieses Jeansmodell. Und ansonsten wird sich da nicht extra aufgebrezelt. Aber, ich möchte da noch mal darauf hinaus: Dass jeder mindestens alle Kleidungsstücke am Leibe trägt, wenn wir in die Öffentlichkeit gehen.
Marco Tiede: Ja, klar.
…
Quellen: siehe Shownotes
