„Eine Mutter hat immer recht.“
Autismus-Talk mit Christine Werk, Studentin der Sozialen Arbeit, Mutter von zwei autistischen Söhnen und selbst im Spektrum
Vorweg ein paar Hinweise: In unserem Podcast reden wir über Dinge, die vielleicht bei euch etwas anstoßen. Bitte beachtet:
Unsere Gespräche geben persönliche Erfahrungen wieder und erfüllen keinen wissenschaftlichen Anspruch. Das Hören oder Lesen unseres Podcasts ersetzt keinen Besuch in einer Praxis oder Beratungsstelle. Fühlt euch ermutigt, offen auf Menschen in eurem Umfeld zuzugehen. Oder sprecht Fachleute in eurer Nähe an.
Rückmeldungen könnt ihr über hallo@spektrakulaer.de an uns richten. Oder ihr kontaktiert uns auf unserem Instagram-Kanal @spektrakulaer_podcast. Gerne versuchen wir auf Themen einzugehen, die Euch interessieren. Persönliche Fragen zu Diagnostik oder Therapie können wir leider nicht beantworten.
Im folgenden Abschnitt haben wir für euch unsere Sprachaufnahme transkribiert, also verschriftlicht. Das Manuskript entspricht nicht einem journalistisch überarbeiteten Interview.
Dieser Podcast ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt.
Wenn ihr uns oder unsere Gäste irgendwo zitieren wollt, bleibt fair: Achtet auf den Gesamtzusammenhang und denkt bitte immer an die Quellenangabe.
Im Zweifel gilt die schöne alte Regel: Lieber einmal mehr nachfragen.
Vielen Dank für eure Neugier und euer Verständnis.
Mirjam & Marco
…
Hinweis der Autorin zur Transkription: Als Text aufgeschrieben ist gesprochene Sprache nicht immer ganz korrekt und eindeutig verständlich. Ich habe den Text behutsam redaktionell überarbeitet. Ziel ist es, das spontane Gespräch möglichst natürlich wiederzugeben. Deshalb dürfen sprachliche Ungenauigkeiten bleiben.
Damit sich der Text leichter lesen lässt, ist die Zeichensetzung angepasst. Sie berücksichtigt Sinneinheiten und Pausen, wie sie fürs Mündliche typisch sind. Das heißt: Statt langer Bandwurmsätze gibt es öfter mal einen Punkt. Oder auch drei. Wenn jemand kurz nachdenkt. Oder nach den richtigen Worten sucht. Dann kann ein angefangener Satz auch mal einfach ab…
Und nun, viel Freude beim Lesen!
Mirjam
…
Transkript
„Eine Mutter hat immer recht. Wir merken, wenn etwas nicht rund ist.“
Autorin: Mirjam Rosentreter
0:00:00
Kurz-Intro
Musik: Joss Peach: Cherry On The Cake, lizensiert durch sonoton.music
(bricht nach dem Auftakt ab)
Vorgeplänkel
Mirjam Rosentreter: Noch einmal den Lippenstift von den Zähnen.
Marco Tiede: Das sieht jetzt auch keiner in der Dunkelheit. (schmunzelt)
Mirjam Rosentreter: Das sieht jetzt auch keiner.
Christine Werk: Ich mach mir auch nochmal Wasser.
Mirjam Rosentreter: Ich habindirekte Beleuchtung. Also diese Lampe blendet dich nicht?
Christine Werk: Nee.Ich weiß ja nicht, ob der Ton schon anders ist, aber…
Mirjam Rosentreter: Ist schon an, weil ich den immer anmache, sobald wir die Tafel beschriften.
Christine Werk: Ja, ich weiß.
Mirjam Rosentreter: Christine hat heute hingeschrieben, Christine Werk, Studentin der sozialen Arbeit, Mutter von zwei autistischen Söhnen, selbst im – Upps: selbst im Spektrum. Jetzt bin ich an die Lampe gekommen…
Christine Werk: (lachend) Selbst im Upps!
Mirjam Rosentreter: …die dich nicht blenden sollte. Sie ist immer noch so, dass das okay ist für dich, ja? So, ich sehe, was ich hier aufgeschrieben habe.
Marco Tiede: Selbst im Upps. Ja, ich sehe jetzt nicht mehr so viel. (Christine lacht) Aber ich muss ja hauptsächlich hören.
Christine Werk: Dadurch, dass ich jetzt sage: Es blendet mich alles, schränke ich euch ja ein quasi so.
Marco Tiede: Naja, wir können ja auch mitentscheiden, inwieweit uns das wirklich stört, diese Einschränkung oder nicht.
Christine Werk: Ja, das stimmt.
Marco Tiede: Und ich mag jetzt auch gedämpftes Licht. Und solange ich dich noch erkenne (Christine lacht). Und deine Lippen lesen kann, ne?
Christine Werk: Ja.
Marco Tiede: Weil ich ja auch als Schwerhöriger irgendwie automatisch Lippen lese. Ist alles gut. Und ich erkenne dich gut. (schmunzelt)
Mirjam Rosentreter: So dann… (mit angestrengter Stimme) …fangen wir jetzt an. (lockert die Muskulatur) Noch einmal die Schultern.
Marco Tiede: Jo. Achtung, einmal! (verschränkt die Hände, dreht die Handinnenflächen nach außen und lässt seine Fingergelenke hörbar knacken)
Christine Werk und Mirjam Rosentreter: (im Chor protestierend) Ooahhhh!
Mirjam Rosentreter: Marco!
Marco Tiede: Oh,Tschuldigung. Ich, ich könnte das anders…
Mirjam Rosentreter: Nicht mit den Fingern knacken!
Marco Tiede: Ich dachte, ihr mögt das auch, also…
Christine Werk: Nee, Bah! (Mirjam lacht) Mein Mann macht das auch. Furchtbar!
Marco Tiede: Okay, ich mach‘s heut nicht wieder. Ich entschuldige mich vor euch.
Christine Werk: Daskönnte… Also, wenn du das mittendrin machst, würde mich das rausbringen.
Mirjam Rosentreter: Empfindest du das dann so richtig körperlich mit?
Christine Werk: Ja. Also ich kann halt auch kein Blut sehen oder was. Und auch nicht darüber sprechen. Und auch Verletzungen – überhaupt nicht! Und wenn jemand sone Geräusche macht, geht mir das durch Mark und Bein.
Marco Tiede: Okay.
Christine Werk: Also:Es wird einfach alles unterbunden, was du tust! (lacht)
Marco Tiede: Ich bin jetzt entspannt. Ich versuche mich anders zu entspannen. Ich kann mir ja wieder so ein Stück Holz nehmen.
0:01:38
Intro
Musik: Joss Peach: Cherry On The Cake, lizensiert durch sonoton.music
Sprecher: Spektrakulär – Eltern erkunden Autismus.
Mirjam Rosentreter: Hallo, mein Name ist Mirjam Rosentreter. Ich bin Journalistin, Mutter eines Sohnes im Autismus-Spektrum. Und ich mach das hier nicht alleine. Bei mir ist Marco Tiede…
Marco Tiede: Ja,Moin, ich bin auch Vater eines Jungen im Spektrum. Und ich arbeite als Therapeut und auch als Berater.
Mirjam Rosentreter: Es gibt zu dieser langen Version unseres Podcasts auch eine kurze, den Kurzpod. Ein Manuskript zu dieser Folge findet ihr auf unserer Seite spektrakulär.de.
Sprecherin: Heute mit Christine Werk, Studentin der Sozialen Arbeit, Mutter von zwei autistischen Söhnen und selbst im Spektrum.
Podcastgespräch
0:02:21
Mirjam Rosentreter: Herzlich willkommen, wo auch immer ihr uns gerade zuhört und auch wann. Bei uns ist es gerade kurz nach elf. Oder naja, jetzt ist es fast halb zwölf. An einem ganz normalen Montagvormittag.
Also nochmal: Herzlich willkommen, Christine!
Chrsitine Werk: Hallo.
Mirjam Rosentreter: Schön, dass du heute da bist. Und Marco und ich kennen dich aus unserem Elternkreis, den wir auch für den Martinsklub moderieren. Und hallo natürlich Marco.
Marco Tiede: Ja, moin, hallo.
Mirjam Rosentreter: Wir zeichnen unser Gespräch auf an einem Montagmorgen… Was ich gerade schon gesagt habe, und rausschneiden werde. (lacht)
Marco Tiede: (schmunzelnd)Nicht, dass du dich wiederholst oder so.
Mirjam Rosentreter: Nein. (beide lachen)
Christine Werk: Ach, ich find das ganz sehr sympathisch! Weil, so hab ich auch Zeit runterzufahren. (Mirjam lacht) Ich grinse auch die ganze Zeit, weil ich aufgeregt bin. Aber mach ruhig weiter. Ich kann dann runterfahren.
Mirjam Rosentreter: Also, für euren Hintergrund: Wir hatten hier schon heute ein bisschen zu tun mit Rollladen auf, Rollladen runter. Weil wir es uns erstens gemütlich machen wollten. Zweitens aber Rosa, die heute Aufnahmen macht, natürlich es auch ermöglichen wollten, uns auf diesen Aufnahmen zu erkennen. Damit ihr uns auch erkennt. Jetzt haben wir es wieder gemütlich und werden uns jetzt auch in dieser Stimmung in dieses Gespräch begeben.
Aber ich finde, es passt ganz gut zu unserem heutigen Thema. Wir wollen nämlich heute mal genauer drauf schauen, was unseren Familienalltag herausfordernd macht. Und wie es um unsere elterliche Resilienz steht. Also wie wir Eltern autistischer Kinder da heile durchkommen. Du hast gesagt: Ich komme gern zu euch. Da mache ich gerne mit. Denn unser elterlicher Struggle ist für andere ja immer unsichtbar.
Womit fing denn heute Morgen bei euch zu Hause der Stress an?
0:03:51
Christine Werk: Das ist eine sehr gute Frage. Weil, tatsächlich ging es heute Morgen wirklich schon wieder ordentlich los. Unser großer Sohn hat im Moment starke Schwierigkeiten mit der Schule. Wir haben täglich morgens Meltdowns und alles sowas. Und auch heute Morgen wieder. Er ist ziemlich gut aufgestanden zwar. Aber er fing dann wieder das Schreien an. Und dass er nicht zur Schule will. Völlig übermüdet. Und ja, der Struggle ist halt dann wirklich, ruhig zu bleiben und auch zu entscheiden, was dann das Beste für das Kind ist. Und wir haben ihn jetzt schon seit letzter Woche vom Wochenende zu Hause. Und haben ihn heute auch wieder zu Hause gelassen. Also mein Mann ist gerade zu Hause.
Ja, das ist halt ziemlich schwierig im Moment. Weil wir merken… Wir hatten letztes Jahr ungefähr zur selben Zeit eine ziemlich heftige Krise. Und ob das auch mit der Länge des Schulhalbjahres zusammenhängt? Dass er jetzt einfach in so einen Erschöpfungszustand kommt, wo er jetzt nicht mehr so richtig rauskommt. Nächste Woche ist Klassenfahrt.
Mirjam Rosentreter: Oh.
Christine Werk: Deswegen muss man halt jetzt gucken. Also ich fahre mit, das ist alles schon geklärt. Aber um deine ursprüngliche Frage, welcher Struggle heute Morgen schon war… Ist es jeden Morgen im Moment die Entscheidung: zur Schule, ja oder nein? Wie geht es ihm? Und dieses Schreien halt, dieses unberechenbare Schreien.
0:05:13
Marco Tiede: Kann er benennen, was seine Stressoren sind? Also was ihn so stresst, was ihn so rausbringt?
Christine Werk: Das versuchen wir immer wieder rauszufinden. Ich würde es damit zusammenfassen, dass es halt diese Fremdbestimmung in der Schule ist, dieses Durchgetaktete. Also er sagt es selber: dieses jeden Morgen um acht. Er spricht davon, dass Schule… Also hat er jetzt gestern, vorgestern gesagt: dass es für ihn eher so ein Überleben ist.
Und also dieses Getakte: Es wird… Uhr klingelt, ich muss um acht drin sein, dann geht es eine Dreiviertelstunde oder so. Dann wird vorgegeben, wann Pause anfängt, wann Pause zu Ende ist. Dann geht das weiter. Dann sind die Unterrichtsfächer vorgegeben. Und dass er einfach nicht selber entscheiden kann: Ich brauche jetzt eine Pause. Oder: Ich komme jetzt nicht so schnell mit. Und oder generell einfach: Ich kann nicht selber bestimmen, wie mein Tag abläuft. Damit hat er das größte Problem.
Marco Tiede: Hmmh. Das macht dann so diese Krisen und den Stress.
Christine Werk: Und das ist gerade… Also wir hatten, also… Nach letztem Jahr, als wir entsprechend Hilfe dann hatten oder eine Lösung gefunden hatten – so sage ich es mal –ging das auch wieder bergauf. Und es war wirklich gut. Und wir hatten endlich unseren Sohn wieder. Aber im Moment geht es wieder in eine Richtung… (seufzt). Es ist so gerade… Also, wir wollen nicht, dass es kippt. So. Aber es ist gerade irgendwie… Wir wissen nicht, ob es kurz davor ist. Oder ob die Klassenfahrt jetzt nochmal genau das Richtige ist.
0:06:46
Marco Tiede: Ob die vielleicht auch einer der Stresshoren ist?
Christine Werk: Ja, also er freut sich drauf. Also ich habe ihn auch gefragt. Ich so: Wenn du die Wahl hast mit der Klassenfahrt, was würdest du am liebsten machen oder haben? Oder wir würden… Wenn wir sagen, wir können dir alles ermöglichen, was wäre das? Und dann hat er gesagt, er würde auf jeden Fall gerne auf die Klassenfahrt, also mitfahren. Aber er möchte nicht übernachten.
Marco Tiede: Hmmh.
Christine Werk: Und das war auch das, was wir so auch schon geplant hatten. Also was wir uns auch schon überlegt hatten. Also ich buche mich halt ins Hotel ein. Hole ihn dann abends ab und bringe ihn morgens hin. Und das ist auch mit der Klassenlehrerin abgesprochen, die auch super verständnisvoll ist.
Mirjam Rosentreter: Schön.
Christine Werk: Also wirklich: ist sehr herzlich, sehr verständnisvoll. Das ist wirklich toll. Auch die Schule insgesamt. Ja, also da hört man ganz andere Geschichten.
0:07:32
Mirjam Rosentreter: Was hast du gerade genau gemeint mit: Wir hatten unseren Sohn wieder?
Christine Werk: Uff. Ja, also, ähm, letztes Jahr sind wir an einen Punkt gekommen… Jetzt muss ich kurz mal überlegen. Er wurde in der Schule gemobbt. Obwohl er eigentlich, also er ist beliebt an sich. Also ist jetzt keiner, der ausgegrenzt ist. Aber es gab halt ein Kind – ich behaupte es mal so, ich muss aufpassen, was ich jetzt sage – was selber Schwierigkeiten meiner Meinung nach hat. Und unser Sohn hat sich aber trotzdem davon triggern lassen. Konnte sich nicht wehren.
Dann vermute ich rückblickend, dass einfach der Erschöpfungszustand war vom Schulhalbjahr: durchhalten, durchpowern und so weiter. Dann sind wir kurzfristig nach Berlin. Das war halt aus ganz wichtigen Gründen. Und in Berlin haben wir extra geschaut… Also wir sind am Rand, machen wir dann, das gehört zu Brandenburg, wo wir da sind…
Mirjam Rosentreter: Also zur Familie gefahren.
Christine Werk: Ja, genau. Und dann haben wir überlegt: Einen Tag, in Absprache mit den Kindern, dass wir uns eine Sehenswürdigkeit angucken. Das hatten wir uns vorgenommen. Weil: Innenstadt voll und so weiter. Das haben wir dann gemacht. Und das lief ganz gut. Die Stadt war auch leer. Dann sind wir mit der Straßenbahn gefahren. Das kennen sie ja alles ja nicht. Für mich ist das ja ganz normal. Und da haben wir schon ein bisschen gemerkt: Da waren sie ein bisschen aufgeregt. Und dann standen sie da, haben sich versteckt. Haben sich die Ohren zugehalten. Und gesagt… Wir hatten die Tickets schon gekauft. Wir haben vielleicht in dem Moment falsch entschieden. Wir haben gesagt: Kommt, das schafft ihr! Sind dann da rein. Und unser größerer Sohn, hat man gemerkt, der war total angespannt. Und wir sind am Bundestag dann ausgestiegen, sind da rumgelaufen. Hatten noch ein super schönes Erlebnis mit der Polizei. Also wirklich ein schönes Erlebnis, nichts Negatives! Und wir haben gedacht: Es ist alles in Ordnung, es ist alles leer, es ist ruhig. Und dann sind wir in einen Souvenirladen, wo sie sich gerne was aussuchen wollten. Und da haben wir schon langsam gemerkt: Es kippte langsam. Und dann kam dann eine größere Reisegruppe, die da vorbeilief. Also eigentlich relativ unspektakulär, würde man jetzt von außen sagen. Und da ist mir das erst mal so richtig bewusst geworden: Wie viel ihm eigentlich schon zu viel ist. Weil, er stand da, die Gruppe ist nur vorbeigelaufen, und er hat sich so die Ohren zugehalten. Hat sich versteckt quasi. Und ich dachte: Oje, oje, oje. Und dann sind wir nach Hause irgendwann. Also richtig nach Hause zurück.
Und dann ging es richtig los. Also er war auch schon in einem Zustand… Er hat immer, es ist nicht Echolalie oder so, also es ist stereotypisch, immer wieder dasselbe Wort wiederholt. Immer wieder und immer wieder und immer wieder, in jedem Moment. Das war wirklich so schlimm, dass man sich nicht mal mehr mit ihm unterhalten konnte. Und weil ich damals auch noch nicht „ganz so weit war“, sage ich mal in Anführungsstrichen: Ich bin irgendwann… Ich konnte nicht mehr! So. Und bin dann irgendwann auch ein bisschen ausgeflippt. Und habe ihm gesagt: Jetzt hör auf damit! So, ne? Weil das ein unheimlicher Stressfaktor war. Und dann habe ich gesagt: Hör jetzt auf damit! Mach irgendwas anderes! Und dann hat er… Er nimmt das sehr ernst. Ich sage jetzt mal, ich sage mal: sehr regelkonform. Also für ihn ist das, ich sage das: Und dann muss ich das machen. Und dann hat er halt mal richtig gemerkt, wie er das unterdrücken musste. Und fing an sich zu schlagen. Anstatt… Also ich habe ihm quasi in Anführungsstrichen „das genommen, dass er das sagen konnte“, dieses Wort. Und da fing er an sich zu schlagen. Und das hat er wirklich wochenlang gemacht.
Und auch dass, was alles so gefallen ist, mit der Frage: Wir haben ihn nicht mehr wiedererkannt. Also er war… Wenn man es von außen betrachten würde und keiner, oder nicht Bescheid weiß, hätte man gesagt: Er ist einfach unheimlich pampig, respektlos gegen uns, gegenüber gewiesen. Ausfallend, genervt. Aber auf einem Niveau, ja: Wo du dein Kind nicht mehr erkennst.
Und dann kam ein Moment, da ist er völlig in Tränen ausgebrochen. Saß auf der Couch und hat… Also er hat ein Wort… Also er hat was fallen lassen, wo wir wirklich Sorge hatten. Und er hat gesagt: Ich bin nur auf der Welt, weil es euch gibt. Was soll ich hier? So sinngemäß.
0:11:41
Mirjam Rosentreter: Hmm. Mit sieben. Ja, oh Mann.
Christine Werk: Genau. Und da war ich wirklich sprachlos. Und wir saßen da. Und er hat fürchterlich geweint vor Verzweiflung. Wir haben ihm erklärt, wie wertvoll er ist. Warum bin ich wertvoll?
Und äh, pfft, ja… Also wenn ich daran denke… Also das macht auch was mit mir, wenn ich das erzähle. Und ähm… Wir haben uns dann nur überlegt: Fahren wir jetzt in der Nacht noch? Lassen wir ihn schlafen, dass er zur Ruhe kommt? Fahren wir jetzt irgendwie in die Klinik? Also oder: Irgendwohin, irgendwas tun! Wir haben das ja schon wochenlang auch so ausgehalten, das anzugucken. Und ja, und dann hangelt man sich halt so weiter.
Mirjam Rosentreter: Also ihr seid nicht in die Klinik gefahren.
Christine Werk: Ich weiß halt nicht, wie weit ich das wirklich erzähle. Weil, das ist nicht…
Mirjam Rosentreter: Okay.
Christine Werk: Aso wir haben nicht die Unterstützung bekommen, die wir hätten gebraucht. So. Und wir hatten zwei Termine in der Klinik. Also der erste Moment war super. Und die haben das auch alles aufgenommen. Haben gesagt: Ich spreche mit der Leitung. Und so weiter. Und: Sie können am übernächsten Tag kommen. Und, und, und. Aber die nächsten Schritte waren dann… Das erste Gespräch war noch gut. Und das zweite war dann nicht mehr hilfreich.
Und da sind wir am selben Abend und notfallmäßig auch noch zu den behandelnden Kinderpsychiater. Auch als Notfall. Sie haben auch gleich am Telefon gesagt: Sie kommen her. Sie sind ein Notfall. Alles gut, kommen Sie! Und da war dann auch… Also da war der Punkt, wo dann auch die echte Hilfe kam. Also das ist auch so ein Learning für uns: Wo wir hin können im Notfall und wo nicht.
Wir sind jetzt dieses Jahr noch nicht an diesem, also hoffentlich auch nie an diesem Punkt. Aber das letztes Jahr, das war… Und ich habe im Nachhinein jetzt… also ich spreche natürlich auch mit anderen Menschen. Es ist keine einzelne Erfahrung, die wir da gesammelt haben. Also das ist schon eine Erfahrung, die regelmäßig Eltern mit ihren Kindern machen.
0:13:35
Mirjam Rosentreter: Wir sind jetzt schon so tief in unser heutiges Thema eingestiegen, dass ich noch mal ein paar Schritte zurückgehe. Damit ihr, die ihr Christine nicht kennt, damit ihr noch mal wisst, wer hier eigentlich heute sitzt. Unser heutiger Gast ist also Christine. 41 – immer noch? Ja, okay. Verheiratet, Mutter von zwei autistischen Söhnen, sechs und acht. Selbst Autistin. Du studierst soziale Arbeit. Und hast eine Webseite: neuroherz.de. Wo du auch so Elterntreffen online veranstaltest.
Warum war dir dieser Austausch mit Eltern so früh so wichtig?
Christine Werk: Weil es genau das ist, was uns gefehlt hat. Also, weil es genau das ist, man steht sehr viel alleine da. Man hat … Entweder man hat, ich sag mal in Anführungsstrichen, das Glück, man hat eine Diagnose, ich nenn das jetzt mal Glück, und weiß zumindest schon mal eine grobe Richtung, wie man vielleicht sein Kind unterstützen könnte oder einfach sich auch ein bisschen Wissen schon mal anzulesen oder so. Oder man hat halt keine Diagnose und ist völlig am Schwimmen. Also … Ähm … Und ich finde halt wichtig… Also unter anderem eine dritte Komponente: Du kannst auch eine Diagnose haben, und sie wird nicht ernst genommen.
Das ist ja der dritte Part. Und ich selber hab das erlebt, wir selber haben es erlebt: in die totale Verzweiflung zu rutschen, weil man nicht ernst genommen wird. Weil man sein Kind vor sich stehen hat, weil man selber überfordert ist. Ähm, ich hab nach Angeboten damals geguckt. Es gibt kaum etwas. Also ihr als Elternkreis wart das einzige Angebot, wo man halt, wenn man so einen belasteten Familienalltag hat, wo man zum Beispiel auch online teilnehmen konnte. Oder immer noch kann. Ähm, um halt das möglichst, wie sagt man, niedrigschwellig zu halten. Also um die Barrieren nicht so hoch zu machen, dass man auch wirklich teilnehmen kann.
Und weil gerade dieses Schwimmen, diese Verunsicherung, dieses: Ja, ich habe vielleicht was gelesen. Und ich kann mir vorstellen, dass das vielleicht das ist, was bei meinem Kind gerade das Problem ist. Ich versuche ja irgendwie damit umzugehen, aber ich schaffe es nicht. Bin ich doof? Erziehe ich das nicht richtig? Also so fing das bei uns an, dass wir an unserer Erziehung gezweifelt haben.
Dann hat man Themen, die traut man sich vielleicht nicht anzusprechen. Man wartet sehr lange. Und ich finde halt: So ein Elternaustausch, auch egal um welches Thema, könnte man fast sagen, hilft halt einfach enorm für die eigene Entlastung. Also einfach nur das Zuhören. Das Wissen, das was dann andere Eltern beschreiben, das kenne ich auch. Ich bin nicht komisch! Ich mache nichts falsch. Und ich finde halt: die Angebote, es gibt viel zu wenig. Und deswegen war mir das so wichtig. Weil, das das ist, was uns für den Anfang auch gefehlt hat. Und wenn wir darüber so sprechen… Ich mache das ja auch bewusst, ohne dass man irgendwie eine Diagnose haben muss oder sowas. Sondern viele müssen ja auch jahrelang warten, bis sie einen Diagnostikplatz haben. Dann haben sie vielleicht einen Termin und dann wird ihnen auch gesagt: Nee, ist es nicht. So. Und keiner weiß: Stimmt’s? Stimmt’s nicht? Das spielt ja so viel rein. Und ich empfinde das als Chaos. Und man verliert sich halt da drin. Und deswegen finde ich es wichtig, dass man sich austauscht. Vernetzung und Austausch ist super wichtig.
0:17:03
Mirjam Rosentreter: Und der Druck ist ja für Familien, für alle Familien in den letzten Jahren massiv gestiegen. Ich habe mal geguckt, was es so für allgemeine Zahlen gibt. Und laut einer Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse aus dem Jahr 2024 fühlen sich 70 Prozent der Eltern in Deutschland erschöpft und ausgebrannt. Fast 40 Prozent waren schon mal depressiv. Und eine Studie der Medizinischen Hochschule in Hannover hat mal hochgerechnet, dass 880.000 Eltern in Deutschland als Burnout-gefährdet gelten. Und das ist inzwischen eine eigene Diagnose: Eltern-Burnout, parent burnout.
Christine Werk: Ja, das ist… Also, ich hatte… Jetzt sind es ja schon zwei Jahre her: Ich hatte ja auch einen Hörsturz. Das ist ja auch schon die Vorstufe von Burnout. Also zumindest sagt der Körper auch: Geht nicht mehr so. Da war ich noch arbeiten. Also es ist halt… Es gibt… Man hat ja auch im nahen Umfeld auch Schwierigkeiten, dass das akzeptiert, verstanden wird. Beziehungsweise: auch nicht bewertet. Verständnis ist immer noch… muss man nicht haben, denke ich immer. Aber das Bewerten oder das einfach nicht anzunehmen, anzuerkennen, dass man einfach wirklich große Herausforderungen hat. Finde ich. Wenn dann jemand krank wird. Also zum Beispiel jetzt ich: die Doppelbelastung Arbeit und Zuhause zu managen. Im Hörsturz zu landen, zeigt eigentlich schon, wie viel dahintersteht. Was alles herausfordernd und belastend ist.
0:18:34
Mirjam Rosentreter: Ich hatte auch schon einen Hörsturz. Ist auch gar nicht so lange her. Und habe das gar nicht so als so deutliches Zeichen empfunden. Das gibt mir gerade zu denken.
Christine Werk: Also ich hatte schon mal einen zweiten. Ich hatte vor zehn Jahren schon mal einen. Aber mir hat der Arzt gesagt: Die meisten müssen ihr Leben ändern. Also eigentlich ist es ein Warnschuss dafür, zu überdenken, wie dein eigenes Leben eigentlich gerade läuft. Und was man vielleicht ändern könnte. Also gucken, was eigentlich einen wirklich stresst.
Mirjam Rosentreter: Eine harte Frage, aber ich stelle sie trotzdem: In welchem Moment hast du als Mutter zum ersten Mal gedacht, hoppla, in welchem Leben bin ich hier gelandet? Ich kann nicht mehr.
0:19:15
Christine Werk: Bevor die Diagnosen kamen. Also die schlimmste Zeit hatten wir also vor der Diagnose, die jetzt steht. Die ja auch nochmal verifiziert werden musste. Wussten wir ja nicht mit was wir, ich sag jetzt mal, was wir „zu tun hatten“. Und da, das habe ich in dem Porträt ja auch gesagt, dass ich mich dafür auch geschämt habe. Wie ich vor allem mit meinem großen Sohn umgegangen bin. Also nicht, weil ich ihn nicht liebte oder mochte. Sondern weil ich einfach so verzweifelt und hilflos war. Und dieses Verhalten nicht verstanden habe. Und da kommen ja dann eigene Trigger noch dazu. Also das Wort Trigger ist immer natürlich… Aber du bist ja so auf dich allein gestellt. Du weißt… Wir waren ja schon, wir sind ja schon losgelaufen, wir sind schon… Erst Thema Hochbegabung und: Ja, Sie haben ein schlaues Kerlchen. Und so weiter. Aber alles andere – schauen Sie mal.
Also wir sind ja noch eine Familie, ich empfinde das so: Wir haben noch so viel Kraft, dass wir uns auf den Weg begeben und machen und tun. Und auch sagen: Hey, wir brauchen Hilfe! Also über den Punkt ja völlig weg sind, dass man Scham hat, um Hilfe zu fragen. Und trotzdem wird ja nicht so… Oder damals wurden wir nicht so, ich weiß nicht, man kann sagen: ernst genommen. Aber es hat halt dann doch noch gedauert, bis wir wussten, was wirklich los ist. Und nur durch auch glückliche Umstände.
0:20:41
Mirjam Rosentreter: Du hast in einem Zeitungsportrait im m-Magazin auch viel von eurem Alltagsleben geteilt. Da war das Magazin bei euch, hat auch ein paar Fotos gemacht. Und du bildest mit deinem Mann, der nicht im Spektrum ist, also auch ein gutes Team. Also das ist mir aufgefallen. Ihr seid diejenigen, die, wenn sie zum Elternkreis kommen, meistens zu zweit dabei sind. Also wir hatten das ja vorhin kurz angesprochen, dieses Nicht-Glauben oder Nicht-Ernst-Genommen-Werden. Das gibt es ja leider manchmal auch innerhalb von Partnerschaften. Deswegen ist das schon gut, da an einem Strang zu ziehen.
Wobei, ich habe jetzt gerade ein kleines Fass aufgemacht. Es gibt ein Gerücht, das, seitdem über Autismus gesprochen wird, durchs Internet geistert: dass die Ehen oder die Partnerschaften von Eltern autistischer Kinder besonders häufig geschieden würden oder zerbrechen. Das ist wirklich ein Gerücht. Da gab es mal Studien dazu, groß angelegt. Die Scheidungsrate oder Trennungsrate ist bei Eltern autistischer Kinder genauso hoch wie bei allen anderen. Also…
0:21:40
Marco Tiede: Wollte ich auch sagen. Ist nämlich widerlegt.
Mirjam Rosentreter: Ja, genau.
Marco Tiede: Das stimmt in dem Fall nicht.
Mirjam Rosentreter: Das verlinken wir euch gerne nochmal in den Shownotes.
Marco Tiede: Wo ich gerade ein bisschen hängen bleibe, ist ja nochmal diese Frage der Scham. Also das ist ja etwas, was uns dann so häufig im Weg steht. Diese Scham und diese Schuldgefühle, die wir haben. Weil wir vermeintlich falsch umgegangen sind mit den Kindern. Oder vielleicht wirklich in Unwissenheit dann Entscheidungen treffen, die den Kindern nicht guttun. Und ich versuche ja immer ein bisschen wegzukommen von solchen „falsch/ richtig“- und „Schuld/ unschuldig“-Zuschreibungen zu sprechen. Und gleichzeitig bleibt es trotzdem irgendwo hängen. Dass wir sagen: Ja, das hätte ich so mal nicht machen sollen. Oder hätte ich anders gemacht, wenn ich andere Informationen gehabt hätte.
0:22:28
Christine Werk: Also ich habe geweint. Also ich weiß noch genau die Situation: Wir hatten eine Paarzeit. Wir hatten einen Babysitter zu Hause. Das war so eine Woche nach der Diagnose oder sowas. Und ich konnte mich überhaupt nicht mehr aufs Essen konzentrieren. Weil, wir hatten mal Ruhe. Und ich habe wirklich angefangen zu heulen. Weil mir das einfach auch so leidtat. Weil mir dann die ganze Tragweite erstmal bewusst geworden ist. Natürlich habe ich mich im ersten Moment schuldig gefühlt. Ich fühle mich auch heute teilweise noch schuldig. Weil du… Es ist einfach menschlich, dass du nicht 24-7… Du kannst zwar alle tollen Ratschläge lesen: Und du musst so sein. Und du musst dies und das. Wer den Alltag aber nicht erlebt… Das kann man nicht durchhalten 24-7! Das heißt: Es wird auch mal laut. Und man wird auch mal ungerecht. Und man wird auch vielleicht mal ausfallend. Und das finde ich zum Beispiel ist halt auch was ganz, ganz Wichtiges, dass man das betont: Dass das auch okay ist. Dass man… Weil, wenn man das nicht rauslässt, dann landet man im Burnout. Oder also in einer Situation, wo gar keiner dann irgendwann mehr kann. Und was autistische Eltern leisten, ist enorm. Und ich finde alleine das ist schon eine Riesenanerkennung, die man Eltern entgegenbringen müsste.
0:23:42
Mirjam Rosentreter: Du meinst jetzt Eltern autistischer Kinder oder auch…?
Christine Werk: Ja.
Mirjam Rosentreter: Und dann kommt ja bei dir noch hinzu: Du bist zudem ja selbst Autistin, was du durch die Diagnosen bei deinen Kindern realisiert hast.
Christine Werk: Genau. Also über meine Kinder. Also ich bin meinem größeren Sohn sehr ähnlich. Also bevor ich überhaupt wusste, dass Autismus irgendwie ein Thema werden würde. Ich habe irgendwann nur gesagt: Ich verstehe ihn. Ich kann damit aber nicht umgehen, weil ich selber damit Probleme habe. Und natürlich, so wie du es sagst, wird sicherlich unbewusst an einigen Stellen auch noch mit ein… Ich weiß nicht, ob man ein Hindernis sagt, aber es ist… macht es vielleicht… die Sache nicht unbedingt immer leichter. An manchen Ecken wieder schon. Weil man ein besseres Verständnis hat und dadurch für das Kind auch sprechen kann. Aber manchmal hat man selber dann auch nicht so… Also meine Kinder zum Beispiel, der Große, stimmt (i.S.v. engl. stimming) unheimlich viel, unheimlich viel. Also es heißt: Geräusche, Klackern, Sprechen, Singen. Und das den ganzen Tag. So sage ich immer. Und ich bin sehr geräuschempfindlich. Dann heißt es immer so schön: Naja, setz Kopfhörer auf! Ja, das mache ich ja auch. Aber trotzdem kannst du… Und visuell stört mich das halt auch. Also beide Kinder sind auch motorisch unruhig. Der Kleine hat jetzt seit kurzem auch noch eine ADHS-Diagnose dazu. Das ist auch sehr passig. Das heißt, der Große stimmt viel. Der Kleine, ich sag jetzt mal, „kann nicht still sitzen“, um mal mit den Klischees zu arbeiten, um ein Bild da reinzukriegen. Und für mich ist es schon eine Herausforderung. Zum Beispiel am Wochenende: Wenn beide oder alle vier da sind, also auch mein Mann. Und dann wird rumgewuselt. Dann wird‘s laut und dann permanent. Und das ist für mich schon eine riesengroße Herausforderung. Und man möchte auch nicht immer das Haus verlassen, nur um mal Ruhe zu kriegen.
0:25:35
Mirjam Rosentreter: Du hast gesagt, wenn dir das passiert und es „rausmuss“, also dein eigener Stress: Wie räumst du dann hinterher auf? Also wie erklärst du das deinen Kindern?
Christine Werk: Also meistens gerate ich ja mit meinem Größeren aneinander. Manchmal – denke ich so – wahrscheinlich, weil wir uns vielleicht zu ähnlich sind. Früher war es so: Ich bin wirklich laut geworden. Also aus purer Verzweiflung. Richtig laut. Ich entschuldige mich danach bei meinem Kind. Also wenn irgendwie… Ich will nicht sagen „die Wogen geglättet“. Weil, beide Seiten können nichts dafür! Aber wenn irgendwann wieder ein bisschen Ruhe drin ist. Und wenn es abends im Bett ist oder irgendeine Situation. Dann setze ich mich zu meinen Kindern und sage: Es war blöd von mir, es war nicht gut. Und erkläre aber auch, warum das passiert ist. Ich sage ihnen: Es ist nicht in Ordnung, ich hätte dich nicht anschreien dürfen. Aber ich war selber so hilflos, so verzweifelt in dem Moment. Und sage auch wirklich: Es tut mir leid. Und meine Kinder, der Kleine macht das auch immer mehr, entschuldigen sich auch. Er sagt: Mama, es tut mir leid. Also ich finde es schön, dass sie es können, dass sie es machen. Ich finde es schön, dass wir auch… Also ich finde es auch wichtig – egal ob man jetzt neurodivergente Kinder hat oder nicht – ich finde es immer wichtig, auf Augenhöhe mit den Kindern zu kommunizieren. Und auch die Stärke zu besitzen. Oder: Ich finde die Selbstverständlichkeit, sich auch auf Augenhöhe bei den Kindern zu entschuldigen. Weil das ist das, was ich vorhin meinte: Es ist menschlich. Auch für Eltern mit nicht-neurodivergenten Kindern. Weil jeder ist irgendwie belastet. Aber dass man die Fähigkeit besitzt zu sagen: Es tut mir leid, Kind. Es war nicht in Ordnung. Und auch du darfst mir sagen: Mama, war nicht gut. Lass mich in Ruhe. Und meine Kinder schreien mich halt auch an. Und dann merke ich so: Okay, ja, sie haben recht.
0:27:25
Mirjam Rosentreter: Trainierst du das auch manchmal regelrecht so ein bisschen als Therapeut oder in anderem…
Marco Tiede: Das Rumschreien?
Mirjam Rosentreter: Nein. Nein, dieses sich entschuldigen. Also wie man nach einem Meltdown zum Beispiel wieder miteinander ins Gespräch kommt.
0:27:44
Marco Tiede: Ich würde ein paar Dinge noch mal so ein bisschen nebeneinanderstellen wollen. Also ich sag mal: Menschen im Meltdown verfügen ja nicht über eine Art von Impulskontrolle. Da wüsste ich nicht, wofür ich mich in dem Moment entschuldigen soll. Ich bin einfach drüber und kann nicht anders. Und wenn ich dann zum Beispiel aus so einer Verzweiflung dann laut werde, dann ist das ja etwas: Ich bin nicht direkt im Meltdown. Aber ich verliere dann ja auch ein Stück weit meine Impulskontrolle. Oder über meine Stimme, über mein Tun, was auch immer. Und das kann ich schon hinterher besprechen und sagen: Ja, mir ging es so und so. Und ich möchte das gerne anders lösen. Und sich gleichzeitig dafür aber nicht ständig zu maßregeln oder zu verurteilen. Weil, es muss natürlich irgendwo raus. Und bestenfalls kommt es vielleicht dann nicht unbedingt beim Kind raus. Aber es wird nicht immer klappen.
Im Fall des Meltdowns würde ich eher das Kind darin bestärken wollen, zu sagen: Ich habe gesehen, dass das offenbar eine Situation war, die zu viel für dich war. Du konntest nicht anders. Also gibt es auch nichts, wofür du dich zu entschuldigen hast.
Ja, bestimmte Äußerungen, die dabei fallen, die sind erschreckend. Und die sind auch verletzend. Oder selbst wenn es handgreiflich wird, ist es ja auch in körperlicher Weise verletzend. Aber dann habe ich ja sozusagen als Elternteil eher nochmal die Aufgabe – das natürlich auch sehr hoch gesetzt als Anspruch – koregulierend einzuwirken. Oder die Situation zu verändern: dass die Reize wegfallen. Und das klingt immer theoretisch so einfach. Und das ist aber dann in der Praxis mal mehr, mal weniger gut machbar. Und dann kommen eben noch diese ganzen außenstehenden Blicke und Wertschätzungen. Oder Unwertschätzungen, wie sagt man?
Christine Werk: Bewertungen.
Marco Tiede: Bewertungen, Verurteilungen noch dazu. Die einem auch immer im Kopf rumschwirren.
0:29:53
Mirjam Rosentreter: Ich habe mich als junge Mutter manchmal bei so einem Meltdown mit auf den Boden gelegt. Also ganz ruhig. Aber ich lag dann einfach mit auf dem Boden. Also habe mich in dieselbe Lage versetzt. Habe mich dann aber bemüht, eben nichts mehr zu sagen. Sondern einfach nur da zu sein. Das habe ich als ganz entlastend empfunden für sowohl unser Kind als auch mich.
Marco Tiede: Um nochmal auf deine Frage zurück zu kommen, ob ich das eben auch im therapeutischen Kontext übe. Eher in dem Sinn, dass ich versuche die Situation nochmal nachzubesprechen. Oder nachzustellen durch visuelle Mittel, wie zum Beispiel durch Bildgeschichten oder durch Geschichten, die man aufschreibt. Um jedem Beteiligten nochmal visuell klarzumachen: So, das und das ist passiert. Und das hat es ausgelöst. Und ich versuche dann immer, wirklich eher von Wirkungen von Verhaltensweiten zu sprechen. Und nicht darüber: Und weil du das getan hast, ist das passiert, also du bist schuld, dass… Wirklich immer mit der Maßgabe – und das ist mein Anspruch, den ich versuche auch immer einzulösen: Ich spreche nicht von Schuld. Ich spreche immer von Wirkungen. Von Wirkungen von Interaktionen. Und die passieren. Und da kann ich mehr oder weniger Einfluss drauf nehmen. Und dann bin ich noch weit weg entfernt von, mich schuldig zu machen. Also, ich spreche da nicht davon, wenn das denn die Wirkung hätte: In mir erwacht jetzt plötzlich so ein großer Rachegeist. Und ich muss jetzt aber sowas von zurückhauen oder zurückschlagen! Und habe jetzt so richtig heftige Vergeltungsbedürfnisse dabei. Dann würde ich denken: Ja, da ist nochmal eine ganz andere psychische Verfassung zu betrachten. Aber eben nicht… Also wenn ich nicht laut werde, um meine Dominanz zu beweisen oder meine Macht auszuspielen, dann kann ich mich eigentlich nicht schuldig machen.
0:31:59
Christine Werk: Also ich finde das total gut, was du sagst. Und das ist auch… Wenn ich mir so vorstelle, ich würde mir das von dir erklären lassen, das würde mir unheimlich gut helfen. Meistens ist es ja aber so, oder das ist nur ganz persönlicher Blick: Man steht als Eltern aber erstmal an so einem Punkt, man weiß gar nicht, was brauche ich für Hilfe? Wo muss ich hin? Wer hilft mir? Oder selbst, wenn man sich darum kümmert. Also das ist keine Wertung, was ich jetzt sage, sondern es klingt super was du sagst. Dass die Hilfe aber im echten Leben… Das ist so dringend eigentlich notwendig, dass man davon auch weiß! Dass man diese Hilfe auch bekommt.
Aus meiner ganz, ganz persönlichen Erfahrung ist es so – zumindest am Anfang erstmal: Die allergrößte Herausforderung für mich war das, was eigentlich unbewusst abläuft. Die Bewertung. Ich habe auch meine Kinder bewertet. Und das ist ja das, wo dann später bei mir das Schamgefühl dann auch entstanden ist. Aber da muss man sich auch nicht für schuldig fühlen im Nachhinein. Oder sich auch nicht für entschuldigen. Aber das ist ja das, was diese… Man hat Eltern, jetzt mal nur so pauschal gesagt, die kommen aus einer Generation, die mussten funktionieren. Da gab es sowas nicht! Heißt es ja immer. Da hatte man zu parieren, fertig, bumms!
0:33:13
Marco Tiede: Jaja, und man griff mit harter Hand durch.
Christine Werk: Ja, genau. Und man glaubt, also man merkt ja selber gar nicht, wie viel man davon eigentlich in sich selber trägt. Und das ist das, was ich an mir festgestellt habe. Warum ich vor den Diagnosen – also wenn wir jetzt mal vor und nach Diagnosen sprechen – auch so hilflos war. Und auch, weil ich völlig in der Bewertung war. Und einfach so: Warum kann dieses Kind das nicht? Warum macht es das nicht? Also, ich habe mich da auch irgendwie daran abgearbeitet mit meinen Gefühlen, sage ich jetzt mal. Und ich glaube, dass das vielen Eltern so geht. Es sind wenige Eltern, die schon an so einem Punkt sind. Also mir fällt eine Mutter ein, die ist so super aufgestellt. Die hat keine Diagnose für ihr Kind oder sowas, aber die weiß schon, was los ist. Und handelt danach auch. Und ich finde, die ist… So weit wäre ich gerne gewesen! Die war schon so weit, bevor sie Kinder hatte. Aber dieses Mindset haben die wenigsten. So. Und das ist aber auch normal, dass sie es nicht haben. Und dadurch… Bei mir ist so ein Druck auch entstanden innerlich. Wenn du immer wieder erlebst, dein Kind kann einfachste Dinge nicht. Es muss sich irgendwie an Routinen, hält sich so dermaßen fest, dass du nicht dazwischen kannst. Du verstehst aber die Logik dahinter nicht. Und weißt auch noch überhaupt nicht, dass Autismus irgendwie ein Thema ist. Oder hast irgendwas davon gehört. Dann habe ich auch den Druck, dass mein Kind funktioniert. Dass es in die Schule pünktlich kommt. Dies, das. Dass… Nach außen kann man es auch nicht erklären. Und ich finde, das ist ein Struggle. Den haben, also ich empfinde das so, den haben halt viele Eltern. Und solche Angebote oder das, was du erzählst, das ist das, was viel mehr raus muss. Und viel mehr, dass man diese Unterstützung mental auch als Eltern bekommt.
0:34:57
Marco Tiede: Ja, also das ist ja auch Teil der Übung oder der Bewusstmachung in den Deeskalationsseminaren, die ich gebe. Dass wir uns unseren eigenen inneren Konflikten bewusstwerden. Also ich nenne es immer Imperativ-Konflikte. Weil da so viel Befehlston gefordert wird. Von wegen unserer Großelterngeneration, die sagte: Du musst das nur mal richtig erziehen, du musst mit harter Hand. Und so weiter. Und dann wieder andere, die vielleicht diese Härte so gar nicht nachvollziehen können, wieder sagen: Nee, also ich glaube, du bist ein bisschen drüber. Es gibt ja alles, diese ganzen inneren Stimmen. Und das für sich erstmal zu realisieren. Und dann zu gucken: Was meine ich denn jetzt dazu? Beziehungsweise: Wer ist denn dann von den vielen Stimmen, gerade ich? Wer ist da gerade maßgeblich, die da in mir spricht?
Und dann zu sagen: So rein intuitiv würde ich jetzt mal sagen, ich glaube, ich gehe mal einen Schritt zurück. Auch wenn alle anderen Stimmen sagen: Nein, du musst durchgreifen. Du musst dich durchsetzen. Dit, dit, dit oder irgendwas. Aber das ist ja immer dann dieser Knackpunkt: Sich mal die Zeit zu nehmen, kurz mal innezuhalten. Nichts zu sagen, kurz zu gucken.
0:36:16
Christine Werk: Ich hätte es nicht besser sagen können. Und was ich halt auch finde, wenn ich mich mit anderen unterhalte: Sich davon auch zu befreien von diesen Erwartungen. Den ganz eigenen individuellen Weg für die eigene Familie zu finden. Das ist ja schon ein Riesenprozess. Also wenn man das verstanden hat. Was… Also es soll nicht belehrend sein. Aber das, was du gesagt hast. Wenn man das verstanden hat, dann kommt man eigentlich auch an so einen Punkt, dass man wirklich mal guckt: Ist das… Also ich bringe mal das Beispiel: Man ist es gewohnt, abends wird um 18 Uhr gegessen. Alle haben am Tisch zu sitzen. Es wird vernünftig gesessen. Und so weiter. Bei uns ist es mittlerweile so: Der Große sitzt mit Kopfhörern, der Kleine steht ständig auf. Das ist nicht gewöhnlich, sage ich jetzt mal. Das ist für viele nicht normal. Das ist für viele so: Sach mal, kann dein Kind nicht mal stille sitzen? Aber dahinter zu kommen, sich das zu schaffen, sich von den Bewertungen freizumachen, das ist halt eine riesengroße Aufgabe. Aber um dahin zu kommen, muss man erstmal das große Ganze verstehen. Und auch entlastet werden.
0:37:14
Marco Tiede: Und den Bedürfnissen aller gerecht werden. Also der, der Bewegung braucht, der bekommt sie auch. Und wenn du dann ihn nötigst: Du setzt dich jetzt hin! Dann wird er vermutlich eine unangenehme Zeit haben.
Christine Werk: Also das haben wir auch gemacht. Also wir sind ja selber da drinnen gewesen.
Marco Tiede: Ja, ja.
Christine Werk: Und uns passiert das auch jetzt immer noch wieder. Dann ist es halt manchmal, weil es halt einfach nervt. Aber es ist halt aber schon das größere Thema. Dass man jetzt nur, weil… Mein Mann wird jetzt lachen, wenn er das hört. Aber es ist jetzt nicht, nur, weil die Oma kommt, irgendwie: Jetzt müssen wir aber alle da sitzen! Und jetzt Oma spricht. Und wir machen… Ja, nee, das ist genau so: Die Kinder sollen weiter nach ihrem Bedürfnis.
0:37:58
Marco Tiede: Wir dürfen dann die Oma einladen, sich mal auf dieses bunte Familienleben einzulassen. Ich wollte noch mal ganz kurz, wenn das passt, zurückkommen auf diese inneren Stimmen. Wo du sagst: Ich setze mich gegen diese Stimmen durch und ziehe mein Ding durch. Da würde ich noch so einen kleinen Einwand einfügen oder eine Ergänzung.
Ich denke, diese anderen Stimmen, die da sind, die kommen oft auch von außen, haben aber vielleicht auch in dir bestimmte Funktionen. Also, dass du zwar einerseits sagst: Ich empfinde es gerade so und so für mich stimmig. Und die anderen Stimmen, die dann sagen: Ja, aber es muss ja so oder so! Die haben ja auch alle irgendwo eine Funktion. Und die werden wahrscheinlich nicht leiser, wenn wir sie immer nur verdrängen. Insofern dürfen wir sie auch angucken und sagen: Okay, was möchtest du denn eigentlich von mir? Dass man sie nur wahrnimmt. Und sagt…
Mir ist auch immer bewusst, dass das alles sehr theoretisches Gerede ist. Und man denkt dann so in der Situation: Ich unterhalte mich jetzt nicht mit tausend Stimmen! Ich habe hier gerade eine Situation zu managen! Aber ich glaube, es macht Sinn im Nachhinein dann, wenn man das reflektiert, sich bewusst zu machen: Aha, da waren die und die und die Stimmen. Und die Stimme wollte wahrscheinlich das bewirken. Und die hilft mir manchmal auch dabei. Und die hilft mir dabei. Also irgendwelche Funktionen werden sie haben.
0:39:15
Christine Werk: Also ich hole mir jetzt auch keinen Zettel und Stift raus und schreibe erst mal, welche Stimme… (Marco schmunzelt) Das nicht. Nein, aber ich finde, du hast was gesagt und das ist nämlich auch mein Gedanke, den ich immer habe: Dieses zu schaffen, einen Schritt zurückzugehen in der Situation. Also da übe ich mich ja auch noch weiter drin. Das wird auch nie aufhören. Weil die Situationen ja immer wieder neu sind. Aber genau das zu können. Und das konnte ich zum Beispiel gar nicht. Und merke aber jetzt… Wir hatten jetzt vor einer Woche oder sowas: Der Große war auch wieder zu Hause und hat einen wirklichen Meltdown. Also wirklich so mit allem mit, auch werfen. Teilweise geht das jetzt los, dass es fast ein bisschen körperlich wird. Und sonst, früher habe ich gegengeschrien. Oder mit Kraft versucht, irgendwie ihn da „runterzudrücken“, muss man ja eigentlich sagen. Weil: So kenne ich es. Und…
0:40:05
Mirjam Rosentreter: Aus deiner eigenen Kindheit, meinst du? Okay.
Christine Werk: Ja. Und ich mache es mittlerweile… Ich schaffe es nicht immer. Und ich finde, das gehört zur Wahrheit auch dazu. Ich schaffe es nicht immer! Aber mittlerweile ist es so: Probiere ich es anders. Ich bin „ruhig geblieben“. Ich sage mal in Anführungsstrichen. Ich lasse ihn schreien. Ich gucke nur, dass er sich nicht irgendwie verletzt oder irgendwas. Was man ja auch allgemein immer so oft mitkriegt. Und gucke mal, was dann passiert. Und er ist ja auch so… Und so geht es mir halt auch, wenn ich in so einer Situation bin: Ich möchte nicht angefasst werden! Ich möchte nicht angesprochen und nicht angefasst werden. Und früher… Oder machen es auch heute teilweise: Wir reden viel zu viel in einem Meltdown mit dem Kind! Und ich glaube auch, das ist menschlich. Aber auch da zu sagen: Ein Schritt zurück, Gusche halten!
0:40:52
Marco Tiede: Ja, auf jeden Fall.
Christine Werk: Und das ist schon sehr schwer. Und ich kriege es immer besser hin. Und letztens war es halt auch so: Er war in so völligem Meltdown, total am Weinen, am Schreien. Und ich kam nicht zu ihm ran. Ich habe ihn gelassen. Bin einfach nur neben ihm gewesen, auf der Couch. Irgendwann wurde er ruhiger. Hat immer noch laut geweint. Dann habe ich aber irgendwann meine Hand auf seinen Fuß gelegt. Und er wurde immer ruhiger. Und er hat sich dann auch irgendwann zu mir herangekuschelt. Und ich habe ihn umarmt. Und dann ging das auch, und er hat sich auch beruhigt. Das hört sich vielleicht für Außenstehende an: Naja, das ist vielleicht gar nicht so schwer. Oder weiß ich nicht. Aber das ist schon ein Riesending. Und wenn man das täglich erlebt in schlimmen Phasen oder sehr häufig, dann ist es wieder das, worauf ich zurück will, was ich am Anfang gesagt habe: Dass es einfach unheimlich menschlich ist, dass man nicht 24-7 sagen kann… Man kann nicht perfekt sein. Und es passieren auch Dinge, die einem leidtun. Ich meine damit nicht schlagen. Dass man Dinge den Kindern an den Kopf wirft, die einem leidtun. Dass man eigentlich besser weiß: Es ist nicht in Ordnung. Und sowas. Aber auch im besten Fall macht man es nicht vor den Kindern. Aber ich glaube, das schafft niemand. Wir sind keine Therapeuten als Eltern.
0:42:07
Mirjam Rosentreter: Das, finde ich, ist ein ganz wichtiger Satz, den habe ich mir auch früh hinter die Ohren geschrieben. Wir sind keine Therapeuten als Eltern. Wir sind Eltern, wir sind Bezugspersonen. Wir müssen keine pädagogisch korrekten Abläufe einhalten.
Christine Werk: Was ich halt auch immer denke ist, das passt nicht ganz zum Thema Therapie: Aber in diesem ganzen Durcheinander, so nenne ich es mal, in diesen Diagnostik-Ja-Nein-Warteplätze-Warteliste und so weiter. Egal ob das Kind eine Diagnose hat: Wenn wir nicht zu den Kindern stehen und in Verbindung bleiben, wer macht das dann?
Also wenn ich jetzt weiß, ich habe eine Diagnose für mein Kind, dass es ein autistisches Kind ist und aber selber noch Schwierigkeiten damit habe. Denke ich mir so… Rückblickend würde ich sagen: Das Wichtigste ist aber, in Verbindung mit den Kindern zu bleiben. Und das sagt sich auch wieder so leicht, das ist nicht leicht! Aber, weil, wenn ich mich nicht für mein Kind einsetze, auch wenn es da gerade… Meine Kinder schreien in der Öffentlichkeit nicht, muss ich dazu sagen, meine Kinder sind hochmaskierend. Ich habe das zu Hause. Aber wir haben auch Nachbarn, die das hören und so.
0:43:12
Marco Tiede: Deswegen habt ihr es zu Hause: weil sie so viel maskieren!
Christine Werk: Genau. Aber was ich noch sagen will: Das Wichtigste finde ich, dass man sich nicht für sein Kind schämt. Dass es auffällig ist, dass es schreit. Oder das versucht zu unterdrücken oder sowas. Das ist wie gesagt ein Riesenprozess. Das ist nicht von heute auf morgen gemacht. Aber das Wichtigste ist, mit den Kindern in Verbindung zu bleiben. Und auch da sich aber einzugestehen, wenn man es mal nicht schafft.
0:43:39
Mirjam Rosentreter: Wie hast du denn da das jüngere Kind, also den jüngeren Bruder, im Blick, wenn es so eskaliert mit dem größeren?
Christine Werk: Das ist eine sehr gute Frage. Das ist eine unheimlich schwierige Frage, also darauf zu antworten. Weil wir uns früher schon immer wieder… Wir haben immer gesagt: Der Kleine kommt zu kurz. Der kommt zu kurz. Also der Kleine war aber auch, wenn man jetzt mal von „auffällig“ und „unauffällig“ spricht, der war nicht so auffällig wie der Große. Der Große war von Anfang an auffällig, von Anfang an. Das war uns aber nicht klar, dass das alles schon so ist. Und der Kleine, der wurde jetzt in den letzten Jahren immer auffälliger. Das ist halt… Wir versuchen… Eigentlich brauchen sie beide eine 1 zu 1 Begleitung. Eigentlich ist es so. Eigentlich brauchen sie auch zu Hause, mal mehr, mal weniger, aber irgendwie immer mal so ein Input von uns. Sie brauchen uns als Sicherheit, als Bestätigung, als Begleitung. Gerade wenn wir da Phasen mit extremen Ängsten haben. Das ist halt ein wirklicher Drahtseilakt, das hinzukriegen.
Eine ganze lange Zeit lang hat der Große viel Aufmerksamkeit oder viel Begleitung in Anspruch genommen, sagen wir es mal so. Da waren wir immer froh, dass der Kleine das so relativ gut mitmacht. Also, wir hatten nicht das Gefühl, dass er auf der Strecke bleibt. Und haben dann halt versucht, dann später für jedes Kind mal so Alleinezeit zu machen. Aber wenn du eigentlich Kinder hast, die du auch einzeln eigentlich begleiten musst: Du hast keine Zeit mehr für dich alleine. Und auch nicht als Paar. Und wir hatten damals noch eine Babysitterin. Das hat auch wirklich sehr geholfen. Aber es ist schon so: Diese ganzen Ratschläge immer: Ja denkt an euch! Selbstfürsorge! Die sind alle super richtig und super wichtig. Aber sie in der Realität immer umzusetzen, das ist nicht einfach mit zwei Kindern. Bei uns ist es halt auch noch so, die sind auch sehr verschieden. Also der Große hat eine Autismusdiagnose alleinstehend, sage ich jetzt mal. Und der Kleine halt Autismus und ADHS. Und diesen Unterschied merkt man auch. Und da irgendwie Herr der Situation zu werden, ist eine Herausforderung, teilweise täglich.
0:45:53
Mirjam Rosentreter: Wo genau merkt man den bei dem Kleinen, den Unterschied? Also was die Kombi da ausmacht?
Christine Werk: Ich habe mit der Frage gerechnet! Ich habe mir darüber auch Gedanken gemacht. Ich kann sie aber ehrlich gesagt gar nicht so leicht beantworten. Weil der Kleine… Also im sicheren Umfeld hat der augenscheinlich weniger Probleme. Da, wo er sicher ist. Aber sobald es aus dieser Komfortzone rausgeht… Sei es, er wird jetzt dieses Jahr eingeschult: von der Krippe in den Kindergarten wechseln. Andere Kinder besuchen. Da fängt es an. Dass er sehr zurückgezogen ist. Dass er sich die Ohren zuhält. Dass er Angst hat. Ich meine, das ist so ein ganz banales Beispiel: Er reiht auch schön Autos immer auf, jetzt wenn man das Autistische mal so ein bisschen in den Vordergrund nimmt. Aber bei ihm ist im Moment, also zu Hause überwiegt dieses, ich will nicht „hyperaktiv“ sagen, aber dieses…
Mirjam Rosentreter: Lebendige?
Christine Werk: Sehr gut. Ja, also zu dem Thema halt: Maskieren. Beide Kinder fallen nicht in den Maßen auf, wie sie es zu Hause tun. Also das ist ja ein ganz typisches Phänomen beim Maskieren. Der Kleine im Kindergarten, wie soll ich das sagen? Ich sage jetzt mal in Anführungsstrichen, „kann er sich auf einmal konzentrieren“. Ich sage das jetzt mal so salopp. Das ähm…Gut, da fällt eine Sache auf, die möchte ich aber jetzt hier nicht nennen. Mein Kind hat gesagt, ich soll das bitte nicht sagen. Ich habe vorher gefragt. Aber es gibt halt eine Sache, die auch sehr auffällig ist, die auch in der Schule Schwierigkeiten machen kann. Aber ähm, ähm… jetzt verlier ich gerade den Faden.
Mirjam Rosentreter: Lebendigkeit? Maskieren?
0:47:48
Christine Werk: Maskieren. Das ist halt wie… Also in unserer Familie ist das Thema Maskieren ein Riesenthema. So. Also der der Große, der wirkt vielleicht noch eher noch ein bisschen perfektionistisch. Das ist das, was nach außen hin auffällt. Ansonsten sind sie beide sehr hilfsbereit und so weiter. Aber die brechen halt zu Hause komplett aus. So. Wir haben ja jetzt seit fast drei Jahren einen Hund. Das ist schon mal ein gutes Regulationsobjekt. Das holt die beiden schon mal ein bisschen runter. Aber der Größere ist ein guter Schüler. Aber der hat durch dieses Maskieren… Der strengt sich in der Schule so dermaßen an, was man alles überhaupt nicht mitkriegt. Und habe ich am Anfang ja erzählt, dass es ihm wieder nicht wirklich gut geht. Bei ihm fällt das noch stärker auf. Und bei dem Kleinen, jetzt Thema Einschulung, da haben wir auch so viele Gespräche schon und alles. Weil wir die ganzen Bausteine ja kennen. Das geht mit Anforderungen, also mit auch wieder: Da sagt mir jemand was, ich soll es machen. Das sind alles schon Baustellen, was für ihn nicht so einfach ist, das alles zu bewerkstelligen. Also ich denke gerade wegen Schulassistenz und so. Weil man das auch kommuniziert kriegen muss. Gerade wenn man hochmaskierende Kinder hat. Das sind ja auch oft Eltern, die dann Vorwürfe kriegen so: Naja, das ist ein Erziehungsproblem, das ist Zuhause.
0:49:13
Marco Tiede: Das ist das Dilemma, ja.
Christine Werk: DasKlischee, das brauche ich jetzt nicht aufmachen. Das kennen ja viele, sage ich jetzt mal.
Mirjam Rosentreter: Und es hat auch was mit dem Kontext zu tun. Also es ist ja auch manchmal noch so, dass unsere Kinder in unterschiedlichen Kontexten auch ein anderes Programm abfahren. Was noch nicht mal nur das Maskieren ist. Sondern dass sie auch denken: Das gehört hierher. In die Schule gehört kein Gespräch über meine Gefühle. Oder so, zum Beispiel. Das merkt man dann manchmal bei der Therapie. Also über bestimmte Dinge konnte unser Kind mit dem Therapeuten sprechen, aber zum Beispiel nicht mit uns. Also so werden auch verschiedene Kontexte aufgemacht durch solche äußeren Rahmenbedingungen, die sich die Kinder geben. Und womit sie sich die Welt erklären.
0:50:01
Christine Werk: Kommt sicherlich auch noch aufs Alter drauf an. Da sind meine 6 und 8, das ist sicherlich nochmal ein ganz großer Faktor, der jetzt auch eine Rolle spielt in dem Alter. Aber ja, würde ich aber so unterstreichen, was du sagst.
Mirjam Rosentreter: Ich würde noch einmal gerne auf die ganz erste Anfangszeit zurückgucken. Wie sich das, also mit welchen Vorstellungen, wie es sein wird, Mutter zu sein, bist du an die ganze Sache rangegangen?
0:50:25
Christine Werk: Friede, Freude, Eierkuchen? (lacht) Also meine Vorstellung tatsächlich, also wirklich aus dem Bauch heraus: Das Kind kommt auf die Welt. Ich liebe es. Es läuft. Natürlich: Es weint, es schreit mal, man kümmert sich, aber es flutscht. Jetzt mal ganz salopp gesagt, so habe ich es mir vorgestellt. Natürlich, wenn ich mein erstes Kind denke: Da hat nichts geflutscht. Schon nach der Geburt nicht. Das fand ich bezeichnend. Ich habe beide Kinder relativ schnell und problemlos gekriegt. Da hatte ich keine Schwierigkeiten. Also die normalen, die man hat bei einer Geburt, Schmerzen und so weiter.
Er war auf der Welt und hat nur geschrien. Wirklich nur geschrien, geschrien, geschrien. Also wirklich. Er ist mittags zur Welt gekommen, hat dann nach der Geburt… Also gut, direkt als er draußen war, hat er nicht geschrien. Das komische war aber: Ich war total entspannt. Die eine Hebamme, die wurde ein bisschen nervös. Aber ich war total entspannt. Für mich war also die Situation in Ordnung. Und er hat dann halt ein bisschen später als im Durchschnitt auch angefangen zu schreien. Dann hat er halt geschlafen irgendwann nach der Geburt. Und ab da dann nur geschrien. Ich war ja selber kaputt, lag im Bett, hatte ihn im Beistellbett. Er hat geschrien, geschrien und geschrien. Ich habe ihn zu mir genommen, war Ruhe. Wieder plump gesagt, um das abzukürzen. Und dann kam irgendwann die Nacht. Und dann sagte auch eine, die da auf Station war: Also was ich ihnen anbieten könnte, damit sie auch mal zur Ruhe kommen, ich kann ihnen das Kind abnehmen. Ich kann versuchen, es zu beruhigen. Auch wenn es schreit, machen sie sich keine Gedanken in Anführungsstrichen, aber dass sie mal wenigstens ein, zwei, drei Stunden Schlaf kriegen nach der Geburt. Und so weiter. Und sie hat es dann mir genommen. Ich bin auch, glaube ich, sofort eingeschlafen. Und bin dann nach so drei Stunden wach gewesen, hab dann geklingelt. Sie hat mir mein Kind wiedergebracht und sagte: Also, sie hätte ja auch drei, vier Kinder. Also sie ist auf Stationen, Wochenstationen. Sie weiß schon, sie hat täglich Kinder. Sie sagt aber, es fiel ihr unheimlich schwer, mein Kind zu beruhigen. Das war jetzt mal die letzten zehn Minuten, bevor ich geklingelt habe, dass es mal ein bisschen zur Ruhe gekommen ist. Und wenn ich so rückblickend denke, sage ich so: Ja, das war eigentlich schon… Also jetzt rückblickend kann ich das verstehen. Aber wenn du so frisch Mutter wirst, dann denkst du halt: Naja, du hast halt ein Kind, was – keine Ahnung, dann wird ja immer gesagt: die Geburt verarbeiten. Und keine Ahnung. Ich hatte auch – wie man immer so schön sagt: Dann trag ihn. Ich hatte mein Kind ja nur auf dem Arm! Weil der nur ruhig war, wenn er bei uns war. Wo ich natürlich schon auch mal den Spruch gekriegt habe: Du trägst ihn ja nur auf dem Arm! Willst du ihn nicht mal irgendwie auch beiseitelegen? Und mir fiel es damals nicht so leicht, so selbstbewusst zu sagen: Nee, er braucht das. Weil, man ist ja auch unerfahren beim ersten Kind.
0:53:20
Mirjam Rosentreter: Oder es war einfach die Intuition.
Christine Werk: Naja, oder auch einfach der Ruhewillen. Weil wenn man gemerkt hat: Das Kind ist ruhig, wenn es bei mir ist. Aber na klar, man weiß ja: ein bisschen näher, Mutter, Herz und so weiter. Weil, bei meinem Mann ist es ja schon auch ruhiger gewesen. Aber bei mir noch ruhiger. Und das ist eigentlich heute auch so, immer noch.
Mirjam Rosentreter: Und gerade in der ersten Zeit als junge Eltern hat man ja ganz viel Kontakt zu anderen Eltern oder du jetzt zu anderen Müttern. Deren Kinder gerade in demselben Alter sind, in derselben Entwicklungsstufe. Wann ist dir da bewusst geworden, irgendwas mache ich intuitiv auch anders, als ich das bei anderen Müttern sehe?
Christine Werk: Also wenn ich ehrlich bin, habe ich das immer gedacht, immer von Anfang an.
Mirjam Rosentreter: Das habe ich mir nämlich gedacht. Weil du gesagt hast: Vor der Diagnose war vor der Diagnose. Nach der Diagnose war alles anders. Ich habe mir gedacht, dass du vorher schon intuitiv einiges angepasst hast, was euch gutgetan hat.
Christine Werk: Ja, also ich muss sagen, also ich hatte auch ein bisschen… Also ich wollte immer Kinder. Aber ich hatte ein bisschen Respekt, ob ich das schaffe. Ich könnte es nicht benennen, warum. Ja, spezielle Ängste, die möchte ich jetzt aber hier nicht benennen. Und aus meinem Blickwinkel machte ich das halt dafür oder damals die erste Zeit halt richtig gut. Also das hätte ich selber von mir gar nicht erwartet. Und weil ich… Ich habe dann noch ein paar negative Erfahrungen gemacht.
Mein Kind musste nach den ersten fünf Wochen operiert werden, also um das nochmal, den Rahmen zu stecken. Er hatte dann später mit einem… Er musste auch operiert werden. Er hatte mit der Milch Probleme, also dass er sie nicht vertragen hat. Und ich hatte… Mein Magen knurrt. Ich hatte die richtige Intuition. Oder ich wusste, hier stimmt was nicht. Habe mit der Hebamme mehrmals gesprochen. Ich habe es aufgenommen, wie mein Kind sich krümmt und schreit und macht und tut. Und ich habe es beim Kinderarzt angesprochen. Und da war auch was. Und das ist der Punkt: Da war mein Kind vielleicht ein halbes Jahr, irgendwas bis zu vier Monate, sechs Monate alt. Nee, Quatsch, schon nach den ersten fünf Wochen tatsächlich, als es mit der OP war. Da habe ich für mich schon den Klick gehabt: Eine Mutter hat immer recht. Also zumindestens, dass etwas nicht rund ist. Also ich konnte es am Anfang auch nicht benennen. Ich wusste es nicht. Es gab eine Situation an dem Tag, wo wir halt auch per Notfall dann abends ins Krankenhaus mussten. Ich habe morgens schon, ich habe es das richtig morgens schon eingeschätzt. Ich habe mir nichts bei gedacht. Also ich war einfach nur, ich gehe jetzt nicht genauer darauf ein, aber ich habe es gesehen. Habe es registriert. Habe gedacht: Ist ja komisch. Und habe aber normal weitergemacht. Und dann hat das Kind den ganzen Tag nicht getrunken und so weiter.
Und seitdem ist es so, dass ich für mich weiß: Kämpfe für dein Kind! Also jede Mutter. Wenn irgendwas nicht stimmt und dir andere erzählen wollen: Nee, du übertreibst, das stimmt nicht. Oder, oder. Nicht hinhören! So ungefähr. So lange, bis das Gefühl wieder im eigenen Bauch stimmt. Ich konnte es auch nicht benennen, was es ist. Aber ich wusste: Irgendwas stimmt nicht so. Und das finde ich halt ganz wichtig.
0:56:34
Weil, es wird Müttern ganz oft abgesprochen oder… Oder wird so getan: Naja, da gucken wir mal noch. Und naja, das ist mal so. Und dies und das. Und das finde ich halt auch. Das wäre mir so… Das ist halt das, was ich auch mit meinem Elternaustausch: Ich möchte gerne auch anderen vermitteln: Vertraue dir selber, wenn du das Gefühl hast. Und wenn wir jetzt noch mal auf‘s Thema Autismus zurückkommen. Vertraue ruhig dir selber. Wenn du das Gefühl hast, es ist so auffällig. Mach selber. Guck, was… Was gibt es so für Gedanken? Oder schon für, für… Wenn du dich beliest. Was kann man machen? Was könnte helfen? Wenn man zum Beispiel jetzt reizarm anfängt, und man merkt, das hilft. Es ist egal, ob du eine Diagnose hast oder nicht. Aber dann mache es so. Also vertraue dir, weil das hatte ich nicht am Anfang.
0:57:16
Mirjam Rosentreter: Wie hast du denn überhaupt das herausgefunden, dass es Autismus sein könnte? Also habt ihr das herausgefunden? Oder hat euch jemand darauf aufmerksam gemacht?
Christine Werk: Wir wurden darauf aufmerksam gemacht. Also wir wollten, weil unser Kind ja schon mit fünf lesen konnte und alles und sehr wissbegierig und dies und das. Ich hatte es mir nie getraut zu sagen… Wir haben zu Hause drüber gesprochen: Ist der hochbegabt? Ist der unterfordert? Ist der deswegen so auffällig? Und so ging die Geschichte halt los.
Im Kindergarten habe ich das angesprochen. Und dann sagte die Erzieherin: Lass ihn doch mal auf Hochbegabung testen. Da dachte ich so: Endlich spricht es mal jemand aus! Weil, ich möchte nicht so dastehen, als wenn ich so: Mein Kind ist so toll und schlau. Und so fing die Geschichte an. Wir haben dann einen Stärken-Schwächen-Test, hieß das damals. Also da wurde gesagt, wir machen ja keine Diagnostik. Aber wir gucken mal, wo die Stärken/ Schwächen liegen. Und da ist er sehr herausgestochen mit dem IQ. Wo man halt auch sagt, das geht in den Hochbegabtenbereich.
0:58:18
Und daraufhin habe ich mich beim Hochbegabtenverein angemeldet, weil ich mir Unterstützung oder Ideen, Impulse erhofft hatte. Und da war das erforderlich, dass du die Diagnostik mitschickst. Und dann habe ich einen sehr wohlwollenden Text, eine sehr wohlwollende E-Mail zurückbekommen, wo man mich vorsichtig darauf hinweisen wollte: Hier ist was auffällig. Also ich habe auch telefoniert mit der Person. Und ich bin ihr heute dankbar. Weil, das hat unseren Weg extrem abgekürzt. Und sie hat auch gesagt: Ich kann mir keine Diagnosen anmaßen. Oder sowas. Und hat aber von ihren eigenen Kindern erzählt. Und dies und das und so weiter. Also im ersten Moment war es ein Schock. Weil ich so dachte: Wir haben mit sowas nichts zu tun. Das war mein Denken damals.
0:59:05
Mirjam Rosentreter: Wahrscheinlich standen die Fähigkeiten im Vordergrund.
Christine Werk: Ja, genau. Das heißt ja eigentlich gleich: Oh Gott, Defizit! Also, nee. Und ja, und so kamen wir… Dann wurde uns entsprechend auch eine Stelle empfohlen, wo wir dann hingehen können. Weil das da sehr ausführlich gemacht wird. Da wurde dann auch, da gehört dann ja noch ein IQ-Test hinzu. Und das hat das Ganze auch nochmal bestätigt. Es ist zwar keine Hochbegabung, aber sehr nah dran. Geht sehr nah hin. Und so war unser Weg. So.
Und die Person, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, hat mir natürlich einen enormen Schreck eingejagt damals. Aber heute ist es so, dass ich so denke: Gott sei Dank hatten wir so eine Person! Weil, wenn ich so mitkriege, links und rechts, was Eltern für Schleifen gehen. Oder gesagt wird: Sie wollen ja nur eine Diagnostik! Also, das ist ja, also, ich finde, das ist ein Feld, das ist haaresträubend! Ich möchte die Diagnostiker damit nicht abwerten, um Gottes Willen, nee. So. Aber es ist einfach so ein Durcheinander. Und ich merke das selber: Das verunsichert auch mich immer wieder.
Weil, man hat ja dann die nächsten Schritte, wenn ich zum Beispiel vorhin Schulassistenz gesagt habe: Man muss an Behörden ran. Man möchte Eingliederungshilfe und so weiter. Und dann stolperst du über Dinge. Weil gesagt wird: Nö. Weil: Ihr Kind ist nicht so, das glauben wir ihnen nicht. Also es wird nicht wörtlich gesagt. Aber du kriegst ja Ablehnung. Und ich nenne da auch keine Namen und gehe da jetzt auch nicht weiter drauf ein. Aber auch speziell in unserem Fall hast du dann mit Problemen zu kämpfen, weil Diagnostiken in Frage gestellt werden. So.
Und das ist enorm verunsichernd. Kann niemand gebrauchen. Vor allen Dingen Eltern, die wirklich ihr Kind jeden Tag erleben und auch wirklich sagen: Keiner will eine Diagnose haben! Keiner sagt so: So jetzt gehen wir mal zur Diagnostik, weil wir das und das haben wollen. So. Weil wir… Wir haben keinen Bock auf Erziehung! Wir sind unfähig, wir wollen jetzt eine Diagnose! Macht doch keiner! Also wenn, dann sind das doch Eltern… Die meisten kämpfen darum, dass sie Unterstützung für ihr Kind kriegen.
1:01:09
- Marco Tiede: Ja, also ich bin noch mal ein bisschen dran hängen geblieben, mit dem „mit sowas hatten wir ja nichts zu tun“. Oder daran hatten wir nicht gedacht, oder wie hast du das ausgedrückt? Das hätten wir ja nicht in Erwägung… Ich weiß nicht mehr. Aber immer wieder auch, dass die Diagnostik… Wie du ja sagst: Man holt sich die ja nicht aus Jux und Tollerei. Aber schon vielleicht auch aus Fragen der Entlastung. Nicht, weil man keinen Bock hat zu erziehen. Aber wenn dann so Dinge oder Gedanken da sind, wie „mit sowas, hatten wir ja nichts zu tun“… Also, man distanziert sich davon. Oder – ich höre das auch in anderen Umfeldern – dass dann manche sagen: Ja hoffentlich hat der und der nicht das auch noch! Und ich sage: Wieso, was wäre daran so schlimm? – Naja, dann gibt es ja wieder einen Haufen Probleme. Das ist das Ding! Wir werden immer vor Probleme gestellt. Und auch weil es manchmal ein Stigma darstellt, immer noch. Was heißt manchmal: Es stellt nach wie vor ein Stigma dar. Weil es ja auch immer so eine Gratwanderung ist zwischen dieser Pathologisierung von Verhaltensweisen und dem Verstehenwollen von Verhaltensweisen. Und damit umgehen können. Und dann eben von dem Stigma wegzukommen. Zu sagen: Es ist in Ordnung, wenn es „sowas“ ist. In Anführungsstrichen. Weil, es gehört zur großen bunten Welt dazu.
Und sich da so ein bisschen auch dann entsprechend der Ausprägung, die die Kinder jeweils mitbringen… Die vielleicht manchmal auch pathogene Werte haben können. So wie das ja auch Tebartz van Elst betont. Das hat so ein weites Spektrum von: Es gibt Leute, die haben die Diagnose, die haben jetzt keinen Leidensdruck oder keinen Unterstützungsbedarf. Für die ist die Diagnose vielleicht nur relevant, um so ein Aha-Ding zu kriegen von mir: Ach so, jetzt erklärt sich meine Biografie. Und für andere ist es wichtig, um bestimmte Unterstützung zu bekommen. Weil die ja nun mal nötig ist in einer Welt, die nicht davon ausgeht, dass sie ein bisschen vielschichtiger ist. In Sachen neuronaler Verarbeitungsstrategien und so weiter.
1:03:30
Christine Werk: Mir kam da ein Gedanke. Das eine: Also es ist ja so eher, dass man… Ich finde auch, ich vermeide bewusst Störung zu sagen. Ich mag das nicht. Weil niemand ist gestört so im Autismus-Spektrum. Es ist ja in der Regel, wie man immer so schön sagt und es ist auch so: Es ist ja das drumherum, dieses System, wie man immer so schön sagt. Es ist ja… Mein Sohn zum Beispiel, der würde nicht so auffallen, wenn er ein anderes Setting… Also er fällt ja nicht in der Schule auf. Aber er würde zu Hause nicht diesen ganzen Ballast haben, wenn er ein anderes Setting in der Schule hätte. Ich kann das aber nicht ändern. Ich kann dieses Setting nicht ändern. Ich kann natürlich über Nachteilsausgleich und so weiter und diese ganzen Unterstützungen. Aber auch das kostet alles Kraft als Eltern, Energie. Um das auch alles für sein Kind… und für sein Kind einzustehen. Und ich hatte noch einen zweiten Gedanken… Vielleicht fällt der mir aber wieder ein.
1:04:18
Mirjam Rosentreter: Was können denn Eltern autistischer Kinder, mal ganz provokant gefragt, was andere Eltern nicht können?
Christine Werk: Das ist auch eine gute Frage. Das ist ja auch wieder eine Unterstellung. Ich weiß das ja nicht: Aber vielleicht feinfühliger auf die, nicht auf die Bedürfnisse achten, aber eher vielleicht zu erkennen. Also jetzt an einem Beispiel halt: Wirklich kleine Nuancen zu erkennen. Jetzt ist es zu viel! Was andere gar nicht vielleicht wahrnehmen. Wenn man jetzt wieder schön von neurotypisch spricht, was neurotypische Menschen gar nicht wahrnehmen. Oder gar nicht in Zusammenhang bringen, dass eine bestimmte Situation einen Stress auslösen kann.
1:04:59
Mirjam Rosentreter: Hast du dein Beispiel?
Christine Werk: Naja, ich hätte jetzt mich als Beispiel, aber: So, wie wir jetzt gerade sitzen, wie wir vorhin angefangen haben. Wenn wir jetzt die ganze Zeit die Jalousie hinter dir, wenn wir die jetzt aufgehabt hätten, dann würde ich jetzt hier jetzt schon mit wirklich übelsten Kopfschmerzen sitzen. Und das nimmt mir jetzt ganz viel Stress, dass es zu ist. So. Und bei einem Kind denke ich zum Beispiel… Meine Kinder sind da nicht so betroffen. Also ich beobachte das und frage halt immer wieder. Das ist aber etwas, was bei einem Kind schon wieder zu Unruhe führen kann, zu, keine Ahnung, Stress und so weiter. Dass ich aber das auch erkenne. Dass ich nicht einfach nur sehe, mein Kind ist gerade gestresst, sondern dass ich vielleicht die Umgebung auch schon gescannt habe und weiß: Ah, das könnte vielleicht das sein.
Ich sage zu meinem Mann öfters immer: Ich bin eigentlich bei meinen Kindern immer so ein bisschen so, ich versuche ihnen einen Schritt voraus zu sein. Also, wenn wir in bestimmten Situationen sind, meinetwegen zum Beispiel im Urlaub, unvorhergehende… -sehende Situation: Wir gehen auf einen Marktplatz, da ist es voll. Da weiß ich sofort, schon aus meiner eigenen Erfahrung aus, das wird zu viel jetzt. Wir gehen mal lieber außen rum. So. Und so muss ich für meine Kinder ja immer einen Schritt weiter mitdenken und schon mal ungefähr – ich weiß nicht, ob ich sagen würde: abscannen. Aber im Blick haben, ob die Situation jetzt gut für sie ist oder nicht. Jedenfalls solange, wo sie so klein sind. Ich weiß nicht, ob das eine gute Antwort ist.
Mirjam Rosentreter: Also das ist ja… Diese Aufmerksamkeit für Details oder wo du irgendwie Druck rausnehmen kannst, bezieht sich ja auf das komplette Miteinander sein.
Christine Werk: Ja, das stimmt.
Mirjam Rosentreter: Wir haben uns für heute vorgenommen, ja nicht nur über die herausfordernden Situationen bei uns im Alltag zu sprechen, sondern auch darüber, was uns Eltern hilft. Dass wir uns selbst nicht verlieren, also dass wir da irgendwie heile durchkommen. Dass wir resilient sind. Marco, kannst du vielleicht mal versuchen, das in Worte zu fassen, was dieser Begriff Resilienz eigentlich genau meint?
1:07:08
Marco Tiede: Ich würde es ja nennen: die Fähigkeit aus einschneidenden Ereignissen relativ unbeschadet herauszukommen, durchzukommen. Und so in den Deeskalationsseminaren versuche ich ja das dann auch mal ein bisschen darauf zu beziehen: Dass wir jederzeit versuchen sollten, dürften unsere innere Balance – so nenne ich das dann – wieder herzustellen. Oder überhaupt intakt zu halten oder dahin zu kommen. Was ist das dann wieder? Ist die innere Balance schon die Resilienz?
Also ich glaube, Resilienz an sich besagt erst mal, relativ unbeschadet aus kritischen Situationen hervorzukommen. Weil, das sagt man ja auch im Zusammenhang von traumatischen Erlebnissen: Ein traumatisches Erlebnis muss nicht zwangsläufig zu Folgestörungen führen. Im Sinne von, da bleibt was hängen, und man bildet dann posttraumatische Belastungsstörungen aus und andere Erscheinungen.
Mirjam Rosentreter: Und ist für künftige Situationen, die herausfordernd sind, vielleicht noch verletzlicher.
Marco Tiede: Noch vulnerabler und verletzlicher, genau, genau. Und ich glaube, wenn wir an unserer Erhaltung der inneren Balance arbeiten, kommen wir dann schon ein Stück weit auch mehr zu mehr Resilienz. Weil, Ich trenne ja in diesen Deeskalationsseminaren immer zwischen der Verwaltung der inneren und der äußeren Kräfte. Die inneren sind also meine psychischen Kräfte, meine, ja, vielleicht auch Resilienzkräfte, aber auch der Erhaltung der inneren Balance. Und die äußeren Kräfte sind meine physischen Kräfte. Wenn ich dann wirklich körperlich einschreiten muss, um Menschen von verletzenden Verhaltensweisen abzuhalten. Dass ich da eben auch über meine Grenzen Bescheid weiß und nicht darüber hinausgehe.
1:09:22
Christine Werk: Ich finde auch das Wort Resilienz, das klingt halt auch immer komisch. Man kann es nicht richtig greifen. Ich hatte auch versucht mal vorher zu lesen, was Resilienz bedeutet. Weil, man denkt immer man versteht das. Was mir so ein bisschen hängen geblieben ist, ist ja: Dass man sich, man könnte jetzt sagen auf traumatische Veränderungen oder belastende Situationen, dass man seine Einstellung auch dazu verändern kann. Dass man sich anpassen kann auf Situationen. Und dass man dadurch ja auch stärker wird.
Mirjam Rosentreter: Was uns nicht umhaut, macht uns nur stärker. Das ist so ein Leitspruch der früheren Generation dazu.
Marco Tiede: Also ich glaube, diese Anpassung oder seine Haltung dazu zu verändern, kann schon ein Teil dazu sein. Auch die, ja jetzt habe ich den Faden verloren…
1:10:10
Mirjam Rosentreter: Die Lösungsorientierung nach vorne vielleicht?
Marco Tiede: Nee, das meine ich damit gar nicht, in keiner Weise.
Christine Werk:Eigentlich ist es ja so: Wenn du permanent in einer schwierigen Situation, also so ausgesetzt bist, so stelle ich mir das vor, dass du… Du kannst ja daran zugrunde gehen, sage ich jetzt mal. Oder du schaffst es, mit der Situation umzugehen.
1:10:14
Marco Tiede: Jetzt fällt mir gerade auch noch mal ein, um vielleicht den Faden hoffentlich beizubehalten und das kürzer zusammenzufassen. Also Resilienz meint die Widerstandsfähigkeit gegen belastende Situationen, so Punkt. Das ist das eine und das, was du meinst, mit dem die Haltung dazu ändern, ich glaube, das meint die Akzeptanz bestimmte Situationen, die erstmal nicht veränderbar sind, erstmal anzunehmen. Weil das macht es mir dann leichter, auch in meiner Balance zu bleiben und vielleicht sogar auch zu einer Resilienz- oder Widerstandsfähigkeit zu finden. Und das ist es, glaube ich, wenn ich Dinge annehme, die nicht änderbar sind, dann verwende ich nicht so viel Energie darauf, dagegen anzuarbeiten.
1:10:55
Mirjam Rosentreter: Zwei Hinweise. Der Erste: Dein Magen hat geknurrt. Wir haben hier Schokolinsen stehen. (lachend) Möchtest du dich bedienen?
Christine Werk: Der knurrt die ganze Zeit.
Mirjam Rosentreter: Möchtest du?
Christine Werk: Ich habe mich schon gefragt, ob man das hört …
Marco Tiede: Ein kurzer Snack.
Mirjam Rosentreter: Guck mal, das macht man hier so. (Geräusch) Eine Schublade auf. Das ist auch gebastelt. (Marco kichert) Es hakelt etwas, ich schieb… (Schokolinsen purzeln heraus) So. Genau, nimm dir. Ich hab auch hier frisch Staub geputzt. (Klackern, Kauen)
Mirjam Rosentreter: Jamjam.
Marco Tiede: Ja, lasst es euch schmecken.
Mirjam Rosentreter: Entschuldigung, dass ich euch hier was vorkaue. Aber…Hmmh… jetzt muss ich erst mal zu Ende kauen. Aber ich will auch gerade was sagen. Möcht’st du auch, Marco?
Marco Tiede: Davor lieber zu Ende kauen.
Mirjam Rosentreter: Ja.
Christine Werk: Sorry.
Marco Tiede: Wir sind ja nicht beim Snack-Podcast, ne? (lacht)
Mirjam Rosentreter: Nee, in unserem Podcast-Design: Orange und mit Mikrofon und Ms drauf für Marco und Mirjam. Ähm…Ich hab nämlich, bevor meine lange Bücherei hinter dir um ganz viele Bücher zu Autismus erweitert wurde, stand da ganz früh dieses eine Buch. Das ist blau. Äh…und ich zeig drauf: Das Resilienzbuch. Ja. Kannst du das mal eben rausziehen? (Geräusch) Mich würde…Ich will da mal spontan reingucken. (Lachen) Danke. Ich bin jetzt einfach gerade neugierig.
1:12:53
Marco Tiede: Ob es da eine Definition gibt?
Mirjam Rosentreter: Ja, nee. (Geräusche von Schokolinsen) Aber weil das so ein frühes Buch war. Und es hat mir unheimlich geholfen. Und zwar handelt es sich um das Buch: Das Resilienzbuch – wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken, von Robert Brooks und Sam Goldstein.
Marco Tiede: Ja.
Mirjam Rosentreter: Ich guck mal kurz von wann das ist. Sagt dir der Name was?
Marco Tiede: Nein, nein, aber das klingt so nach Handbuch. So ein bisschen in dem Sinne, dass: Es gibt ein Patentrezept, wie man zur Resilienz kommt und…
Mirjam Rosentreter: Ja! Aber ich habe das als sehr hilfreich empfunden.
Marco Tiede: Ja, ja, klar.
Mirjam Rosentreter: Ist schon älter, aus dem Jahr 2001.
Marco Tiede: Ich wollte nur sagen: Ich würde so patente Handbücher immer mit Vorsicht genießen. Und dann immer als Inspirationsquelle nehmen. Und wenn es für dich eine gute Inspirationsquelle war, dann war es ja tatsächlich hilfreich.
Mirjam Rosentreter: Es ist ein dicker Schinken.Das ist kein so typisches Ratgeberbuch. Mit ganz umfangreicher Quellenliste. Und hinten drauf auf dem Klappentext steht: „Was Eltern und Erzieher auszeichnet, die ihren Kindern Resilienz vermitteln können.“ Darum geht‘s hier wohl auch: den Kindern Resilienz vermitteln. Ich zeige einfach nur mal die Liste, um dieses Thema vielleicht abzuschließen: „Empathisch sein, richtig kommunizieren, die Kinder akzeptieren.“ Ne? Da haben wir sie, die Akzeptanz. „Negative Lebensskripte ändern, Kompetenzen der Kinder fördern, Kindern helfen, Verantwortung übernehmen und Probleme lösen zu lernen.“
Den will ich mal ganz kurz aufgreifen. Genau das: Das muss mein Kind irgendwie ja fürs Leben lernen, wie es damit umgeht. Wie gehst du mit diesem Bedürfnis, das du so als Mutter hast, um? Du hast gerade den Kopf geschüttelt.
1:14:27
Christine Werk: Jetzt noch mal ganz kurz: Was meinst du mit Bedürfnis?
Mirjam Rosentreter: Also mit dieser Haltung als Mutter – ich habe als Mutter intuitiv nach solchen herausfordernden Situationen gedacht: Das müssen wir irgendwie besser hinbekommen. Oder: Da müssen wir gemeinsam irgendwas daraus lernen. Denn ich habe als Mutter die Aufgabe, mein Kind fürs Leben stark zu machen. Dass es in solchen Situationen sich vielleicht auch selbst helfen kann.
Christine Werk: Hhmh.Ähm, ich finde das Wort müssen nicht gut.
Mirjam Rosentreter: Ja.
Christine Werk: Also.
Marco Tiede: Jo. (Mirjam kichert)
Christine Werk: Also: Man soll… (lacht)
Mirjam Rosentreter: Hab ich auch mal gestrichen aus meinem Wortschatz.
Christine Werk: Weil da… Auch ichtappe in diese Falle ab und zu. Aber mein Kind muss nicht aufs Leben in dem Sinne vorbereitet werden. Im Sinne von: Das muss es können und das muss es und das braucht es. Weil, das ist dann wieder so dieses: Ist das mein Spruch? Also ist das das, was ich wirklich? Kann ja sein, dass es mein Erziehungsstil ist und ich das wirklich so meine und auch möchte. Oder ist es eher so das: Das habe ich so mitgekriegt. Also bin ich so geprägt worden, sind das innere Bilder, die ich übernommen habe. Setze ich mich vielleicht unter Druck, weil das Kind manche Dinge nicht kann. Und es muss es können fürs Leben. Also ich versuche mir da mittlerweile, wirklich den Druck rauszunehmen und auch meinen Kindern. Zum Beispiel jetzt die Schule. Also ich würde mal behaupten, ich bin so ähnlich wie mein größerer Sohn gewesen. Also ich muss dazu sagen, Grundschule war für mich noch ein Spaziergang. Grundschule war für mich keine große Herausforderung, hat mir Spaß gemacht, alles super. Meine großen Herausforderungen kamen dann auf der weiterführenden Schule. Also da, ich sage immer, das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ähm… Jetzt habe ich wieder den Faden verloren. (lacht)
Marco Tiede: Mmhh. Mirjam? Faden?
Christine Werk: Ach so, mit dem Müssen.
Mirjam Rosentreter: Mit dem Müssen.
Christine Werk: Ähm… Ich habe meinem Sohn gerade gestern gesagt oder heute Morgen: Die Grundschule, also später spielt die überhaupt gar keine Rolle. Es ist nicht wichtig. Es ist auch nicht wichtig…Ähm, also ich sag so: Wenn ihr eine 3 habt eine 4. Die Noten, man kann über alles sprechen. Es ist erstmal nicht das Wichtigste. Weil ich hab das früher auch alles so bitter, bitter ernst genommen. Es gibt heutzutage verschiedene Bildungswege. Es gibt… Also so rede ich nicht mit meinem Kind, aber kindgerecht halt. Da sag ich ihm auch: Dann machst du Realschule.
Mein großer Sohn möchte Astronaut werden. Und das möchte er auch immer noch. So. Und für einen Astronaut braucht er Abitur. Wenn ich mir aber im Moment angucke, wie es ihm geht in der Schule, denke ich mir so: Hmmh, das passt noch nicht ganz zusammen. Das Ziel mit den Anforderungen, die er gerade fühlt. So. Und dann denke ich mir: Er muss in so eine Art Selbstbestimmung kommen. Das heißt wir müssen ihn, ich sag immer in Anführungsstrichen, zügig „durch die Grundschule kriegen“. Also er muss natürlich auch, äh, na…Hier ist es ja anders…bis zur Vierten. Also nächstes Jahr wechselt er die Schule. Und dann müssen wir schon das erste Mal gucken, auf welchen Schultyp geht er dann. Und da haben wir eine Schule im Blick, wo er Realschule machen kann oder Abitur. Er kann sich währenddessen entscheiden, ob er es machen möchte oder nicht. Ich möchte ihn relativ zügig in dieses Gefühl kommen lassen, dass er das Gefühl hat: Er kann selbst mitgestalten, mitwirken. Und dann hat er vielleicht auch eher den Ansporn. Also ich versuche meinen Kindern nicht mehr so, wie ich groß geworden bin: Das muss man aber! Und das muss man aber! Und dies und das. Weil das ist so, das erzeugt Druck, wenn es eigentlich auch andere Wege gibt.
Und zum Beispiel, ich studiere ja jetzt auch soziale Arbeit mit, na gut, schon ein paar Jahre länger, aber ich bin jetzt Anfang 40. Es steht, wenn man es will, einem auch später noch der Weg offen. Man kann Abitur nachholen. Man kann Schulabschlüsse nachholen. Man kann später ein Studium anfangen. Und ich versuche das meinen Kindern auch zu sagen. Natürlich ist es aber in der Realität auch so, wenn mein Kind jetzt nur Fünfen nach Hause bringen würde, würde ich natürlich auch ein bisschen nervös werden. Logisch. Aber ich würde mir trotzdem immer versuchen zu sagen: Ich habe, stand jetzt so, wie ich sie sehe, meine Kinder, die wollen ja. Also wenn sie Schwierigkeiten bekommen und nicht weiterkommen, dann liegt das an Gründen, die man rausfinden muss.
Aber ansonsten dieses: Ich muss sie aufs Leben vorbereiten. Würde ich für mich nicht. Also nicht so, wie du den Satz am Anfang gesagt hast. Natürlich mache ich mir als Mutter auch vielleicht mal Sorgen oder Gedanken, wenn er das nicht kann. Aber ich weiß ja noch gar nicht, was kommt. Wir gehen auch davon aus, dass sie selbstständig werden. Dass sie mal eine eigene Wohnung beziehen. Dass sie PartnerInnen haben. Ich weiß es ja aber nicht. Vielleicht brauchen sie doch mehr Unterstützung. Vielleicht leben sie länger zu Hause. Es ist alles nicht untypisch. Deswegen, ich versuche da den Druck eigentlich rauszunehmen, auch mir gegenüber.
1:18:31
Mirjam Rosentreter: Wie nimmst du denn bei dir selber den Druck raus, wenn du die Möglichkeit dazu hast jetzt? Also deine Kinder sind jetzt älter, sie sind dann in der Betreuung oder in der Schule. Was machst du als erstes, wenn du Zeit hast für dich?
Christine Werk: Relaxen. Das wär so die erste Antwort. Nein, aber …
Mirjam Rosentreter: Kriegst du das hin?
Christine Werk: Ja, weil ich ganz viel Ruhe auch brauche. Und dieses Alleinsein. Und ich habe ja einen Alltag, der sehr voll ist. Also jetzt mit Geräuschen, mit Bewegung, mit vier Leuten. Und ich konnte das, glaube ich, aber auch schon früher. Ich kann mich auch einfach auf die Couch legen und an der Decke starren, sage ich jetzt mal blöd.
Aber natürlich habe ich jetzt gerade, während du die Frage so formuliert hast, wie nimmst du dir Druck raus, habe ich gedacht: Naja, also wirklich ein ganz großer, wesentlicher Faktor ist halt auch der Partner. Also in meinem speziellen Fall, jetzt kommt eine Lobhudelei, aber: Kommunikation zwischen den Partnern ist unheimlich wichtig. Also wir reden ganz viel. Und auch ich hatte am Anfang natürlich auch noch nicht das Selbstbewusstsein. Aber dass man auch den Mut hat zu sagen: Ich kann das nicht, ich schaffe das nicht, ich brauche deine Hilfe. Dass man sich gegenseitig auch Kritik nennen kann. Gerade in dem Setting, wenn wir jetzt über autistische Kinder sprechen. Wo man einen sehr herausfordernden Alltag hat. Und bei uns… Es kostete mich auch ein bisschen Mut. Und auch meinen Mann, glaube ich, auch noch ein Stückchen mehr. Weil der auch noch ganz andere Rollenbilder oder Prägungen im Kopf hat, wie ich das immer nenne. Wir haben uns das jetzt so zurechtgebaut, dass es für uns als Familie funktioniert. Man kann eigentlich jetzt wieder sagen: Wir sind in einem alten Rollenmuster. Ich bin jetzt zu Hause, er geht arbeiten. Wir sind Gott sei Dank in der Situation, dass wir das finanziell auch alles so leisten können. Ich bilde mich weiter fort halt nebenbei. Auch das muss ja bezahlt werden, sag ich mal. Und dass man da auch keine gefühlte Abhängigkeit hat. Also ich fühle mich nicht abhängig von meinem Mann in dem Sinne. Also ich finde, es setzt halt auch eine Beziehungskompetenz irgendwie voraus zwischen den Erwachsenen. Und sprechen ist halt wichtig. Und auch ehrlich sprechen. Und auch ehrlich über die Gefühle sprechen können. Und das ist das, was mir natürlich Druck rausnimmt. Weil ich sagen kann, wie es mir geht. Wir können Dinge ansprechen. Dass es offensichtlich mit den Kindern gerade schwierig ist oder so. Oder dass ich halt eine Phase lang halt dann, weil ich dann nicht arbeite, auch dafür da bin. Dass der Große zum Beispiel jetzt öfters zu Hause ist. Dass ich es auffange. Dafür kriege ich aber keinen Druck: So, du musst jetzt aber mal Geld verdienen! So.
Also das ist halt so ein Miteinander, ne? Und ich glaube, dass das schon auch ein großes Thema ist in anderen Familien. Dass das nicht überall so gegeben ist. Und was mir auch einfällt, sind auch Alleinerziehende. Das ist nochmal ein ganz anderes Thema also an Herausforderungen.
1:21:30
Mirjam Rosentreter: Wobei ergänzt ihr euch denn besonders gut gerade dadurch, dass ihr nicht beide autistisch seid?
Christine Werk: Für meinen Mann sind viele Sachen nicht so anstrengend wie für mich. Er braucht dann nicht so vorher so einen Plan. Also für mich ist ja der Alltag… Also die Kinder sind zum Beispiel bei der Therapie, ein Kind ist bei der Feuerwehr, das andere Kind ist bei der Astro-Gruppe. Und das muss nach Bremen gefahren werden. Und, und, und. Wenn ich das jede Woche so leisten müsste regelmäßig, ist mir das zu viel. Das ist aber meinem Mann nicht zu viel. Und er nimmt mir die Dinge ab, die ich nicht so gut kann. Und umgekehrt haben wir dann mal drüber gesprochen. Mal unausgesprochen, nicht so eine Abmachung. Aber er sieht halt auch einfach gerade, dass ich da nicht faul rumliege, sondern einfach kaputt bin. Er weiß es, weil ich am Vormittag über einen Podcast gesprochen habe, dann nach Hause komme und müde bin, weil ich mit dem Auto nach Bremen gefahren bin und einen Parkplatz suchen muss. Weiß er aber auch, wenn ich nachmittags zu Hause bin und liege dann auf der Couch und mich erholen muss, kaputt bin. Dann macht er mir keinen Vorwurf, sondern sagt: Okay, ich mache jetzt die Küche. Stört dich das, wenn ich den Geschirrspüler mache? Ist es laut? Geht mit den Kindern hoch. Aber dafür musste ich ihm auch erklären: Das ist mir zu viel. So ist die Situation. Wir hatten im Urlaub mal eine Situation: Du musst dann uns rausholen aus der Situation. Ich kann das in dem Moment nicht. Und das muss ich ihm dann erklären. Und er nimmt sich dem an und nimmt es dann aber auch nicht persönlich. Außer wenn ich ihn anschreie. Weil ich selber überfordert bin in dem Moment, in einer akuten Situation.
Mirjam Rosentreter: Und was macht ihr dann, wenn das mal passiert?
Christine Werk: Dann werde ich sehr laut, auch ziemlich mit Druck, glaube ich. Ja, wir unterhalten uns halt ziemlich viel und lange dann. Und aber auch wenn das jetzt so ein bisschen schmonzettig klingt, aber: Wir lieben uns halt. Und das wird auch am Ende nach solchen Streitgesprächen auch immer deutlich. Also wir gehen nie… Also wir haben eine sehr wertschätzende Beziehung. Ich glaube, so kann man es zusammenfassen.
Marco Tiede: Und das macht es ja noch tragfähig. Auch wenn es dann mal zu schwierigeren Situationen kommt.
Christine Werk: Natürlich streiten wir uns auch. Natürlich haue ich ihm manchmal Sachen an den Kopf. Aber wir nehmen uns das nicht übel.
1:24:04
Mirjam Rosentreter: Was sind denn so kleine alltägliche Highlights, über die du dich freust, die du bemerkst?
Christine Werk: Die Frage ist ein bisschen zu allgemein. Auf was beziehst du, also was hast du im Hinterkopf, was meinst du?
Mirjam Rosentreter: Ich denke an so Momente, wo… Du hast gesagt, du möchtest gerne deinen Kindern beibringen, dass sie selbstbestimmt handeln. Wenn du so merkst: Oh, da hat mein Kind jetzt eine Entscheidung für sich getroffen und hat auf sich geachtet.
Christine Werk: Also das erste, was mir durch den Kopf schießt, ist, dass ich das unheimlich gut finde, dass meine Kinder mir auch ihre Meinung mal gegen den Kopf knallen. Also das habe ich früher nicht. Also das muss nicht Knallen sein. Aber dass sie einfach sich auch trauen zu sagen: Mama, nee, das finde ich blöd, was du machst. Oder sowas. Das ist natürlich aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus. Weil ich den Mut nicht hatte. Ich habe meinen Mund so gut wie nie aufgemacht. Ja, und dass man zum Beispiel bei den Kleinen sieht, der jetzt wirklich erst so das letzte Jahr so langsam aus sich rauskommt. Dass er sich auch mal traut, alleine irgendwo hin zu gehen. Also wir haben eine Straße, wo ganz viele Kinder sind. Da kann man einfach rausgehen und dann können die da auch spielen, auch ohne, dass wir dabei sind. Und das macht er jetzt auch immer mehr. Und obwohl er eigentlich wirklich so einer immer war, dass man ganz lange immer auch zu jedem einzelnen Spieltreffen mitmusste, er sich quasi erst mal versteckt hat und so weiter. Ja, das ist jetzt mal das, was mir dazu jetzt einfällt, die beiden Sachen.
1:25:41
Mirjam Rosentreter: Lass uns einfach zum Schluss jetzt mal uns gegenseitig kräftig auf unsere Elternschultern klopfen, was wir da für einen Job machen. Ich glaube, das haben wir uns mal verdient. Was meinst du, um den Blick mal so ein bisschen gesellschaftlich zu weiten: Was hat die Gesellschaft eigentlich davon, dass wir Eltern das alles wuppen?
Christine Werk: Naja, wenn man sich anguckt, was jetzt gerade so los ist. Es ist eigentlich nichts Positives. Aber diese ganze Unterstützung verlagert sich halt ins Elternhaus. Also alles, was man mehr als Unterstützung eigentlich in Schulen, im Kindergarten bräuchte, fangen wir halt zu Hause ab. Also da hat aber nichts die Gesellschaft… Naja, sie hat insofern was davon, dass sie die Arbeit nicht hat. Aber mir fällt da jetzt erstmal nichts Positives als ersten Gedanken ein. Weil ich ja… Ist ja schön, dass ich diesen Job mache und dass ich das gut mache. Aber sehn tut’s ja keiner. Und ich hab ja eher damit zu kämpfen, verstanden zu werden. Ich hab da gerade keinen positiven Gedanken so richtig dazu.
Marco Tiede: Hm.
Christine Werk: Weil die Gesellschaft, was hat sie davon? Ich würde eher, wenn die Frage in die Richtung gegangen wäre, so von autistischen Menschen, neurodivergenten Menschen. Die Frage kann man leichter beantworten, finde ich. Wegen der Vielfalt und so weiter, unterschiedliche Blickwinkel. Aber…
1:27:14
Mirjam Rosentreter: Dann erweitere sie doch gern in die Richtung.
Christine Werk: Mir fällt, das ist kein Zitat, aber so eine Sichtweise ein von einer Person, die ich gar nicht schlecht fand. Neurodivergente Kinder, egal ob autistisch, ADHS oder so weiter, können Kinder sein, die sehr auffallen, im Unterrichtgeschehen, im Kindergarten. Dass das eigentlich, ich weiß gar nicht, ob ich das so zitieren darf, aber ich fand diese Bezeichnung so gut: Dass sie so ein Seismograf auch sind. Immer für so ein Gruppengeschehen. Also wenn eine Gruppe von Kindern ist und das ein Kind, was unruhig wird, dann heißt das für mich als Person, die die Kinder gerade betreut oder als Lehrkraft, dass noch nicht alle Bedürfnisse oder noch nicht befriedigt sind. Oder dass ein Kind, was gerade nicht ruhig sitzen kann, heißt dann auch irgendwie: Ah okay, das ist schon mal, das zeigt mir an, ich muss ein bisschen was verändern, damit die Gruppe wieder… harmonisch ist jetzt auch wieder das falsche Wort. Aber es ist so ein auch spezieller Blickwinkel.
Mirjam Rosentreter: Aber der Gedanke mit dem Seismografen – wofür braucht man noch mal Seismografen? Das war doch für Erdbeben.
Christine Werk: Ja, das zeigt dann so die Schwankungen an, oder wenn das dann immer…
Mirjam Rosentreter: Und es gibt bestimmte, ich meine, es sind auch bestimmte Tiere, die ganz früh spüren, wenn da was droht, wenn ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch andräut. Die verlassen dann die gefährlichen Zonen. Daran habe ich gerade gedacht, dass dann vielleicht unsere Kinder, gerade wegen ihrer Empfindlichkeit, dann in so einer Gruppe vermitteln können, irgendwas stimmt hier nicht
Christine Werk: Ah, genau so. Darauf wollte ich hinaus. So ein bisschen in die Richtung.
Mirjam Rosentreter: Fällt dir noch ein, von wem das war?
Christine Werk: Das ist Saskia Niechzial, die finde ich sehr, sehr gut.
1:29:03
Marco Tiede: Ah ja! Auch so… (unverständlich)
Mirjam Rosentreter: Die hat den Podcast – kann man auch sehr empfehlen, also werdet ihr wahrscheinlich auch kennen: Ein Kopf voll Gold.
Christine Werk: Ja, genau.
Mirjam Rosentreter: Sehr praxisorientiert und sehr ehrlich und authentisch. Kann ich euch auch empfehlen. Aber hört uns bitte trotzdem auch weiter (Christine lacht).
Marco Tiede: Hört uns gern parallel.
Mirjam Rosentreter: (lacht)Genau.
Marco Tiede: Ich tue das auch.
1:29:23
Mirjam Rosentreter: Gut, dann machen wir mal für heute klar auf Richtung Ziellinie zusammen. War ein sehr schönes Gespräch mit dir. Danke, dass du dir so viel Zeit genommen hast und so viel Kraft investiert hast. Ich hoffe, es wartet ein gemütliches Sofa zu Hause auf dich. (schmunzelt)
Ich wollte noch mal euch darauf aufmerksam machen: Wenn ihr mehr von Christine hören wollt, dann folgt ihr doch auf LinkedIn, da bist du ziemlich aktiv.
Christine Werk: Ja. (schmunzelt)
Mirjam Rosentreter: Und schaut euch ihre Webseite mal an: neuroherz.de.
Und wenn ihr selbst eure Erfahrungen mit dem Thema, das wir heute hatten, also Eltern im Stress, Eltern vor Herausforderungen im Familienalltag und wie sie damit gut klarkommen, dann könnt ihr uns gerne schreiben. Oder ein anderes Thema vorschlagen, freuen wir uns auch, an hallo@spektrakulaer.de.
Macht’s gut für diesen Monat. Wir hören uns dann wieder in einem. Danke für heute.
Chrsitine Werk: Danke.
Marco Tiede: Ja, tschüss. Danke.
Mirjam Rosentreter: Tschüss.
1:30:25
Outro
Musik: Joss Peach: Cherry On The Cake, lizensiert durch sonoton.music
Sprecher: Das war Spektrakulär – Eltern erkunden Autismus.
Mirjam Rosentreter: Weitere Infos und Links zu dieser Folge findet ihr auf unserer Seite spektrakulaer.de.
Sprecher: Der Podcast aus dem Martinsclub Bremen. Gefördert durch die Heidehof-Stiftung, die Waldemar-Koch-Stiftung und die Aktion Mensch.
Sprecherin: Redaktion und Produktion: Mirjam Rosentreter. In Zusammenarbeit mit Selbstverständlich – Agentur für barrierefreie Kommunikation.
Quellen und weiterführende Links
Unser Instagramkanal
@spektrakulaer_podcast
Unser Gast Christine Werk
Portrait ihrer Familie im Magazin m des Martinsclubs e.V.. https://www.martinsclub.de/ueber-uns/m/
Christines Webseite
Christine Werk auf LinkedIn
https://www.linkedin.com › pub › dir › Christine › Werk
Herausfordernder Familienalltag mit autistischen Kindern
Blogbeitrag von Susanne Strasser (2024)
Linus Müller hat auf seiner Webseite Autismus-Kultur eine Übersetzung eines Textes von Dinah Murray, PhD, veröffentlicht
Bo Hejlskov Elvén und Anna Sjölund (2022): „Handeln, Auswerten, Verändern. Vom unaufgeregten Umgang mit Menschen mit einer Autismus-Diagnose und einer an Autonomie orientierten Pädagogik“
Elternratgeber Autismus-Spektrum (Neufassung 2024), Informationsbroschüre des Bundesverbandes Autismus Deutschland e.V.
Sensorische Besonderheiten bei autistischen Menschen
Sensorik bei Autismus und ADHS
Zur Unterscheidung von Wutanfällen und Meltdown
Wie man Wutanfälle und Meltdowns auseinander hält
Wutausbruch vs Meltdown
Stresslevel bei Eltern allgemein / Studie zu Eltern-Burnout
Studie von Monique Förster, Claudia Kirsch, Julia Habermann und Dorothee Noeres (Medizinische Hochschule Hannover 2025): Exploring the connection between maternal mental health and partnership, parental role, and satisfaction with various aspects of life using pairfam data: a cross-sectional analysis
Resilienz
Robert Brooks, Sam Goldstein (9. Auflage 2023): Das Resilienzbuch – Kinder fürs Leben stärken
Informationen vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung
Über Schuldgefühle und Selbstfürsorge von Eltern in Ellas Blog (Silke Bauerfeind)
https://ellasblog.de/ohne-schuldgefuehle-warum-eltern-von-autistischen-kindern-pausen-brauchen/
Christine Preißmann, Gut leben mit einem autistischen Kind. Das Resilienzbuch für Mütter. Klett-Cotta (4. Auflage, 2025)
https://www.klett-cotta.de/produkt/christine-preissmann-gut-leben-mit-einem-autistischen-kind-9783608107869-t-835
Co-Regulation durch die Eltern für die Kinder
Zu den inneren Konflikten bei Eltern und Begleitenden
Angelika C. Wagner (3.Aufl. 2021). Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte. Mentale Selbstregualation und Introvision. Kohlhammer Verlag. Stuttgart
https://elibrary.kohlhammer.de/book/10.17433/978-3-17-034171-5
Infos zu den erwähnten Comic Strip Gesprächen/Social Stories (Soziale Geschichten) nach Carol Gray
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Beziehung der Eltern autistischer Kinder
Eine große Studie des Kennedy Krieger Institute widerlegte 2017 den alten Mythos einer 80-Prozent-Scheidungsrate bei Eltern autistischer Kinder. Aktuelle Studien (2022–2026) zeigen: Die Scheidungsrate bei Eltern autistischer Kinder ist in den ersten Lebensjahren nicht erhöht. Sie steigt aber ab dem Jugendalter auf 23,5 %–36 % (vs. ca. 14 % in der Allgemeinbevölkerung).
Decades-long study explores divorce rates among parents of children with autism
Zum Vergleich die allgemeine Scheidungsstatistik https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Eheschliessungen-Ehescheidungen-Lebenspartnerschaften/_inhalt.html
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Neurodiverse Paarbeziehung
Constanze Schwärzer-Dutta (2022): Liebe mit Köpfchen – Tipps einer Autist*in für neurodiverse Beziehungen.
Systemischer Blick auf Neurodivergenz
Wieso ist der systemische Blick auf Neurodivergenz hilfreich?
(Autismus)Diagnostik vs. Stigmatisierung
https://adhs.expert/2024/11/21/die-diagnose-autismus-ein-stigma-und-eine-herausforderung/
Stigmatisierung durch eine Diagnose? Zwischen berechtigter Sorge und unterlassener Hilfeleistung im Kinderschutz
Podcast-Tipp: Saskia Niechzial – Ein Kopf voll Gold
Auf Instagram: @kopfvollgold, @liniert.kariert
